„Alle Neune“ am Hochwiesler

4.5
(2)

Erstbegeher hat’s in den Tannheimern zu Genüge, einer davon ist der Bergführer Hermann Reisach, aus dem Ostallgäu stammend. Auf sein Konto gehen einige namhafte Routen wie der Zentralpfeiler an der Roten Flüh oder die beliebte „Via Anita“ am Hochwiesler, um nur einige zu nennen. Weitere Infos siehe www.alpinwiki.at

1988 war er besonders kreativ: mit seinem Gefährten Peter Lutz verbande er am Hochwiesler die bereits bestehenden Routen „Fehnlepfeiler, Georg-Geisenberger-Gedenkweg, Südriss und die Schusterführe“ zu einer neuen Linie, die sie „Alle Neune“ nannten (9 Seillängen sind Programm). Das Team hatte die Wand damals anscheinend gut gekannt, Reisach war auch Erstbegeher des Geisenberger-Gedenkwegs. Eingelagerte Bänder, gespickt mit originellen Klettereinlagen und steilen Wandstufen führen in der Route diagonal durch den rechten Bereich der Hochwiesler-Südwand.

Man trifft dabei immer wieder auf die älteren, vor der Erstbegehung bereits vorhandenen Linien, klettert davon ungeniert jeweils eine Seillänge, um sie danach wieder nach links zu verlassen. Besonders markant ist die überhängende Verschneidung im Südriss – mit einer gekonnten Spreiztechnik tut man sich da am leichtesten, um den 7. Grad frei geklettert zu bewältigen. Die Querung unterhalb des „Nasendaches“ ist jedoch bekannteste Passage und auch die Schlüsselstelle in der Tour. Der Überhang ist bereits aus der Ferne als Form einer überdimensionalen menschlichen Nase zu erkennen. In der zweiten Seillänge befindet sich eine schöne Hangelschuppe – Hände an die Kante, Füße auf die Platte, ist hier angesagt.

Wenn man die Tannheimer Kletterwege miteinander vergleicht, ist dies sicher die abwechslungsreichste, vielleicht auch interessanteste Tour im 6. bis 7. Schwierigkeitsgrad. Die alten klassischen, aus der „Eisenzeit“ stammenden Routen am Hochwiesler sind oft A-Null belastet, Reisach hat da einen für den Normalo kletterbaren Weg gefunden. Trotz der relativ geringen Wandhöhe kommt eine ordentliche Kletterstrecke zusammen. Die vielen Quergänge führen durch die Schwachstellen der Wand und man gewinnt nur zaghaft an Höhe, um sich dem Gipfel des Hochwieslers zu nähern. In den leichteren Längen ist der Fels nicht immer ganz fest, und schnell fühlt man sich wieder in den klassischen Tannheimer Fels zurückversetzt. Ursprünglich alpine Erfahrung ist da wieder gefragt …

Die schweren Passagen sind dagegen überwiegend kompakt und fast immer gut gesichert. Eine deutliche Ausnahme macht da die etwas „künstliche“ Querung in der vorletzten Seillänge: Entlang einer plattigen Wand werden die Hakenabstände immer weiter und es bedarf einer gewissen „Angriffslust“ samt Wegfindung, um den Stand in der Schusterführe zu erreichen. Aber irgendwie ist das alles stimmig in der Tour. Sobald der 5. bis 6. Grad unterschritten wird, ist „freies“ und mutiges Klettern angesagt, so wie wir es vor den Zeiten des Plaisirkletterns erlebt hatten. Genug der langen Beschreibungen. Wie sagen doch die Allgäuer? Kommed und lueged, no säed ers scho … 🙂

1. Seillänge

Über den Fehnle-Pfeiler geradeaus empor. Gegen Ende leicht rechtshaltend und deutlich leichter zum ersten Stand. (6+)

2. Seillänge

Kurze Querung nach links und über eine Steilstufe zu einer markanten Hangelschuppe. Danach über ein einfaches Band linkshaltend zum Stand. (6+)

3. Seillänge

In einer Links-Rechts-Schlaufe wenige Meter unter das Nasendach. (6)

4. Seillänge

Vom Stand leicht rechtshaltend hinauf zum Nasendach. Hier quert man wenige Meter schwierig nach links (Schlüsselstelle) und erreicht wieder einfacher nach oben hin den Stand. (8-)

5. Seillänge

Ein Überhang wird von rechts nach links auf einer kleingriffigen Platte umgangen. Hier kreuzt man den Georg-Geisendorfer-Gedenkweg. (7)

6. Seillänge

Eine ausgesetzte Querung führt nach links absteigend in eine brüche Verschneidung, die geradeaus zum Stand hinaufführt. Hier befindet man sich im Südriss. (6)

7. Seillänge

Im Südriss entlang der überhängenden Verschneidung. Am deren Ende linkshaltend zum Stand. (7)

8. Seillänge

Anspruchsvolle Querung nach links, anfangs gut gesichert, danach werden die Hakenabstände deutlich weiter. Schwierige Wegfindung. Man erreicht die Schuster-Führe. (7-)

9. Seillänge

Vom Stand geradeaus empor, am Ende nach rechts durch eine Riss-Verschneidung zum Gipfel. (6-)

Schwierigkeiten insgesamt

In jeder Seillänge befinden sich Passagen, die überlegtes Klettern erfordern. Die Tour beinhaltet viele Stellen im 6. Grad , gelegentlich 7, unter dem Nasendach 8-. In den Querungen gelegentlich 3 bis 4. Insgesamt 7- obligatorisch.

Wegfindung

Trotz der vielen Querungen und Aufschwünge, lässt sich die Tour mit dem Panico-Topo relativ gut finden.

Absicherung

Die schweren Passagen sind gut mit Bohrhaken gesichert. In den leichteren Passagen ist mit längeren Hakenabständen zu rechnen. Gelegenlich können Friends gelegt werden.

Ausrüstung

60-Meter-Doppelseil, 10 Exen, Schlingen, Abseilausrüstung

Talort

Nesselwängle im Tannheimer Tal. Der Parkplatz befindet sich am westlichen Ortsrand.

Zustieg

Vom Parkplatz auf dem Wanderweg zum Gimpelhaus (ca. 1,5 Stunden). Ca. 50 Meter nach der Hütte bei einem Schild links ab und auf einem ausgetretenen Pfad zum Hochwiesler hinauf. Man quert die Wand nach links, bis der markante Fehnle-Pfeiler erreicht wird. Vom Gimpelhaus ca. 30 Minuten.

Abstieg

Vom Gipfel nach links zum silbergrauen Bergwacht-Rettungskasten absteigen. Kurz danach erreicht man eine Scharte und wenige Meter weiter südseitig den Abseilstand. Die erste Abseillänge ist überwiegend freihängend (ca. 50 m), die zweite Länge 40 Meter mit Felskontakt. Im überhängenden Gelände muss die Abseiltechnik perfekt beherrscht werden. Die Abseilpiste ist nichts für schwache Nerven! Alternativ kann nordseitig über Schrofen im 3. Grad abgeklettert werden. Man erreicht das Gimpelkar und den Wanderweg zurück zum Ausgangspunkt.

Topos

Kletterführer Allgäu incl. Tannheimer Tal www.panico.de

Webinfo

cdn.website-editor.net

Unterkunft

Gimpelhaus www.gimpelhaus.at

Bildgallerie

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1 Gedanke zu „„Alle Neune“ am Hochwiesler“

  1. Hallo Pat, schön wenn dir die Tour Alle Neune gefallen hat und so ein grosses Lob daherkommt. Kürzlich kam auch von rocksports eine Lobeshymne. Schön wenn “Alle Neune“ – so ein trad.climb – jetzt einen Fanclub hat und im allgaeu.plaisir eingereiht ist. Hier ein paar Ergänzungen zu Pat.s Loblied und ein paar nostalgische Ergänzungen Erstens; Berberitze Mein Hochwiesler Projekt seit Jahren war vom ersten, tiefsten östlichen Felseneck durch die ganze Wand bis zum Gipfel zu klettern. Wir waren nicht die ersten in der Wand, es gab ja schon ein halbes Dutzend Touren an dem kleinen Hochwiesler. Vor allem mittig und stimmig der Hochwiesler Klassiker von Leo Schuster &. J. Tauscher vom Jahr 1959. Leo Schuster erzählte mir sie haben damals ein 50 m Perlonseil und nur sieben (7) Haken verwendet. Unser Einstieg und die erste Seillänge waren am Fenlepfeiler, so begann das Projekt. Die zweite Seillänge haben wir nach der Berberitze benannt. Das war die Idee von Fritz Weber. Nach einer Seillänge am Fenlepfeiler ging es vom Stand weg sehr schwer, damals mit einer Miniatur von Sicherung zur Berberitze, diesem dornigen Strauch in der Wand. Die Hangel, eine schräge runde Kante fand ich damals als schwerste Stelle. Die Berberitze war also der Schlüssel für das weitere Projekt. An anderen Stellen in der Wand konnte man schon mal an den Haken anhalten, wenn man ehrlich ist. Die weiteren Seillängen gingen dann mehr oder weniger frei über die Südostwand, die ich erstmals mit Georg Geisenberger an Ostern 1969 kletterte. Dann folgt ein kleiner Quergang nach links zum Südriss. Den Südriss (Weise & Gef. 1963) haben wir in den sechziger Jahren mit Trittleitern gemacht, in den Siebzigern „halbtechnisch“, also A.null. Heute, mit Sicherung an Bohrhaken geht diese Seillänge von Alle Neune frei. Zweitens; luftiger Quergang Sehr, sehr luftig t ist der Quergang der vorletzten Länge, vom Südriss zur Schusterroute hinüber. Die Querung hat Peter Lutz vorgestiegen. Es gab nur einen Haken nach dem Stand und ein paar trickreich gelegte Köpfleschlingen mitTroll.tape und Gewichstkarabinern. Auf dieser Seillänge kannst du überall stehen, nur mit Mukkies macht man da nicht viel. Drittens; damals Wir kannten den Hochwiesler auf allen Routen. Seit fünfundzwanzig Jahren war ich am Hochwiesler geklettert. Ich erinnere mich noch sehr genau; meine erste Tour an der Alten Südwand war 1964, und es war damals überhaupt meine schwerste Klettertour. Später haben wir viele Varianten geklettert und die Via Anita gefunden und Pavelas. Toni Freudig hat mit mir die große luftige Abseile eingerichtet. Eine wichtige Erfahrung für mich in all den Jahren war: Ich habe gelernt wie man die Strukturen an einer Wand lesen kann: Sonne, Licht und Schatten, Schnee, vor allem auch Neuschnee und Wasserstreifen zeichnen die Architektur einer Route. Viertens; Namenstag In diesem Sommer von Alle Neune (war es in 1988 ?) war ich rund zehn Wochen auf der Tannheimer Hütte (nicht neun), mit Kursen und privat zum Klettern. Der Name für die Tour “Alle Neune“ kam spontan von Brigitte, damals Wirtin auf der Tannheimer Hütte. Noch bevor wir das erste Bier bestellten fragte Brigitte auf der Terrasse: Was habt ihr heute gemacht? “Heute alle Neune“, alle neun Seillängen an unserem Projekt am Hochwiesler waren gelungen. Seit diesem Augenblick heisst die Tour Alle Neune. Und, danke Brigitte für all die Jahre unserer Freundschaft. Hermann Reisach, Kaufbeuren, Oktober 2021 hermann@reisach.com

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