Bergsturz am Piz Cengalo

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Der Cengalo-Pfeiler ist einer der ganz großen Klettertouren im Bergell und gleichzeitig in den Alpen.  An meine Begehung vor der Jahrtausendwende erinnere ich mich noch genau: Zerissene Gletscher, Überwindung der Randkluft, sandiger und brüchiger Fels im unteren Teil, grandiose Kletterei am eigentlichen Pfeilerrücken und ein nicht endender Abstieg zurück auf die Nordseite galt es zu bewältigen. Hier war der Alpine Allrounder gefragt.

Die Deutschen Fred Gaiser und Bertl Lehmann bestiegen am 15. Juli 1937 erstmals den Nordwest-Pfeiler des 3369 Meter hohen Piz Cengalo. Ihr eigentliches Ziel war damals die Nordostwand des Piz Badile, wo sie aber auf den berühmten Riccardo Cassin trafen, auf diese Erstbegehung verzichteten und sich dem Cengalo-Pfeiler widmeten. Mit einer Kletterlänge von über 1000 Metern und Schwierigkeiten bis zum oberen 5. Grad ist er Bestandteil von Walter Pause‘s 100 Extremtouren der Alpen.

Doch wie es aussieht ist dieser Mega-Klassiker der Alpinen Geschichte davon bedroht, für immer zu verschwinden. Es sei denn, man zählt zu den hartgesottenen Russen, die nach dem Abbruch des Bonatti-Pfeilers an der Dru bei Chamonix wenig später dem Berg an gleicher Stelle eine Erstbegehung verpassten.

Am 28. Dezember 2011 kam es im Gipfelbereich des Piz Cengalo zu einem gewaltigen Felssturz, bei dem etwa 2 Millionen Kubimeter Fels ins Val Bondasca donnerten. Doch dies war erst der Beginn der Katastrophe. Wir hatten Glück, eigentlich wollte ich im Sommer 2017 dem Bergell wieder einen Besuch abstatten, der Zufall verschlug uns jedoch ins Berner Oberland. Ein weiterer Bergsturz ereignete sich am Morgen des 23. August 2017 mit 4 Millionen Kubikmetern Gesteinsmasse. Gletscherwasser wurde frei, der darauf entstandene Murenabgang erreichte das Dorf Bondo, das später komplett evakuiert wurde. Zur gleichen Zeit stiegen 8 Wanderer von der benachbarten Sciora-Hütte ins  Bondasca-Tal ab und wurden von der Felslawine begraben. Dieser einst wunderschöne Taleinschnitt wurde schließlich völlig verwüstet, ein Zugang ist mittlerweile tabu.  In den folgenden Tagen wurden die nahegelegen Hütten (Sciora und Sasc Furä am Piz Badile) geschlossen und deren Besucher mit Helikoptern ausgeflogen.

Der Bergsturz hat sich lange vorher angekündigt …

Unmittelbar vor dem verheerenden Bergsturz am Piz Cengalo war der berühmte Achttausender-Bezwinger Ralf Dujmovits am legendären Nachbarberg Piz Badile unterwegs. „Wir kletterten zu Dritt durch die Cassin an der Nordostwand, als die letzten der großen Vorwehen am benachbarten Cengalo abgingen.  Den ganzen Vormittag gingen schon größere Bergstürze ab, dann gab es am frühen Nachmittag einen großen Bergsturz. Ich bin mit Vollgas zum nächsten Standplatz geklettert, weil ich Angst hatte, dass uns eine Druckwelle erreichen würde. Das war nicht der Fall, wir hatten viel Glück. Der ganz große Bergsturz kam dann zwei Tage später.“

Der Bergsturz am Piz Cengalo hat sich aufgrund von Messungen schon lange vorher angekündigt. Es wurde auf Schildern gewarnt, aber das Betreten war nicht verboten. Unzählige Bergsteiger setzten sich der Gefahr aus. Wirklich gesperrt war lediglich der Verbindungsweg zwischen der Sciora- und Sasc Furä-Hütte. Insbesondere die steile Nordflanke des Piz Cengalo ist durch den Rückgang des Permafrosts in den letzten Jahrzehnten besonders instabil geworden. Das Eis am Berg schmilzt im Sommer, läuft in die Tiefen und erzeugt im Winter durch Gefrieren eine enorme Sprengwirkung. Somit klaffen die Felspfeiler immer mehr auseinander, bis es zum Einsturz kommt. Der Klimawandel hinterlässt seine Spuren …

Die Gefahr von weiteren Bergstürzen und Murenabgängen im Bondasca-Gebiet besteht weiterhin. Nach Aussagen von verschiedenen Experten ist am Piz Cengalo eine weitere Million Kubikmeter Fels in langsamer Bewegung … Cengalo ade. Es wird immer schwieriger die Hütten zu erreichen, von den übrigen Wänden ganz zu schweigen. Die sind ohnehin Zeitbomben.  Die Zukunft meines Lieblingsgebiets, der Kletterrouten auf der Bergeller Nordseite,  steht in den Sternen …

 

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