„Doctor Luis“ am Sass Pordoi

„Doctor Luis“ am Sass Pordoi

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Wer vom Sellapass Richtung Canazei hinabfährt, kann sich wohl kaum dem Blick auf die rießige Nordwestwand des Sass Pordoi entziehen, zumindest die Kletterer nicht. Aus der Ferne betrachtet wirkt sie megasteil und mit schwarzen Streifen durchzogen: im Inneren des Berges scheint sich das Wasser anzusammeln und durch die Wand zu sickern. Ausgerechnet hier haben Heinz Mariacher und Luisa Iovane 1978 die 800-Meter-Tour „Niagara“ mit bescheidenen Sicherungen erstbegangen. 10 Jahre später kletterte Thomas Bubendorfer durch die Nordwände der Drei-Zinnen, die Marmolada Südwand und schließlich in der Abenddämmerung durch die „Niagara“ am Sass Pordoi. Insgesamt 3000 Klettermeter free solo an einem Tag, dabei ließ er sich immer mit dem Helicopter an den jeweiligen Einstiegen absetzen …

Aber auch die weniger extremen Kletterer finden in dieser Ecke geeignete Routen, um sich an die hohen Wände der Dolomiten ranzutasten: allen voran der vielbegangenene Klassiker „Fedele“. Neben dem 4. Schwierigkeitsgrad ist hier vor allem Orientierungsvermögen und Selbstabsicherung angesagt, um sicher auf dem Gipfelplateau anzukommen. Im Ernstfall kann jedoch nach zwei Drittel der Kletterstrecke auf dem markanten Ringband nach rechts zum Normalweg hinausgegequert werden …

Wer hätte das gedacht: dem Dolomiten-Ethos getrotzt, gibt es hier mittlerweile auch Anstiege, die mit Bohrhaken ausgestattet sind. Links der Niagara befindet sich u. a. die „Doctor Luis“, erstbegangen von Südtiroler Routenerschließer Roly Galvagni & Co. Der Name bürgt in der Regel für Qualität, auch vor allem was die Absicherung betrifft. Die Tour wird im neuen Dolomiten-Kletterführer „New Age“ mit S1 beschrieben, d. h. es ist mit einer klettergarten-ähnlichen Absicherung zu rechnen, die fast keine Wünsche offen lässt.

Wir ließen uns hier jedoch in ein kleines Abenteuer verleiten, das eher den dolomiten-typischen Kletterwegen entspricht. Bohrhaken gibt‘s nur an den wirklich schweren Passagen, dazwischen ist ein mutiger Vorsteiger bis zum 6. Grad gefragt. Einige modrige Sanduhrschlingen erleichterten zwar die Orientierung, hineinstürzen sollte man aber in das Material nicht. Hin und wieder trifft man zur nervlichen Beruhigung auch auf Normalhaken oder rustikale, in die Wand geschlagene Gerüstanker. Sobald sich die Wand etwas zurücklegt, ist gleichzeitig mit längeren Runouts zu rechnen, die hin und wieder mit Friends entschärft werden können.

Was die Felsqualität betrifft, ist die Tour jedoch richtig gut. Egal wo man hingreift, es finden sich immer Löcher in allen Variationen, die ein genussvolles Klettern ermöglichen. Dazu ist das Gestein äußerst kompakt, obwohl es der schwarz-graue Belag nicht vermuten lässt. In den letzten beiden Seillängen vor dem großen Ringband wird die Wand schließlich etwas flacher und leitet in schluchtartiges Gelände über. Auf dem schuttbedeckten Band ist dringend auf Steinschlag zu achten, um nachfolgende Seilschaften nicht zu gefährden. Von hier aus kann ca. 100 Meter nach rechts über die Headwall weitergestiegen werden. Sie bietet weitere 7 Seillängen mit Schwierigkeiten bis 6c bzw. 6a obligatorisch.

Wenige Meter links der Doctor Luis befindet sich die Route „Pordoi-Plaisir“, die auf dem Ringband endet. Sie ist zwar etwas schwerer, bietet jedoch eine durchgehend gute Absicherung mit Bohrhaken. Insofern ist dies vielleicht die bessere Alternative für schwache Nerven …

Die beiden Routen sind geeignete Hochsommerziele, da die Wand bis in den Nachmittag hinein im Schatten liegt. Wer über die Baseclimbs abseilt, ist auch relativ schnell wieder am Ausgangspunkt zurück.

Schwierigkeit

Überwiegend 5a bis 5c, eine Passage 6a. Die letzten 3 Seillängen bis zum Ringband im 3. bis 4. Schwierigkeitsgrad (insgesamt 6 obligatorisch). Die Orientierung ist nicht immer ganz einfach. Ab dem Ringband in der Headwall 6a+, 5b, 6c, 6c, 5b, 5b, 5c (hier 6a obligatorisch).

Absicherung

In der gesamten Tour befindet sich eine abenteuerliche Mischung aus teils modrigen Sanduhrschlingen, Normalhaken, Gerüstankern und Bohrhaken. Die schweren Passagen sind gut mit Haken oder Schlingen abgesichert. Im leichteren Gelände (5a/b) müssen weitere Abstände in Kauf genommen werden. Es können aber auch immer wieder Keile bzw. Friends gelegt werden. Die Standplätze sind mit Bohrhaken ausgestattet und zum Abseilen eingerichtet.

Ausrüstung

60-Meter-Doppelseil, 12 Exen, Keile und Friends, Schlingen, Reepschnüre, Abseilausrüstung.

Ausgangspunkt

Parkplatz am Restaurant Pian de Schiavaneis etwa auf halber Strecke zwischen dem Sellapass und Pordoijoch.

Zustieg

Man folgt dem Wanderweg Nr. 647 Richtung Piz Boé bzw. Lasties Tal. Bei einem geräumigen Plateau durch die Latschen und anschließend nach rechts über eine langgezogene Schuttrinne hinauf. Hier nach links, bis man den Wanderweg wieder erreicht. Dort wo der Weg weit nach links abdriftet, geht man nach rechts über eine Geröllhalde hinauf zur Wand. Am höchsten Punkt (Steinmann) wenige Meter nach rechts absteigen bis der angeschriebene Einstieg erreicht wird. Die Tour befindet sich links einer markanten Schlucht, in der sich oft ein Wasserfall befindet.

Abstieg

a) Wer durch die ganze Wand steigt: Vom Gipfelplateau Richtung Bergstation und mit der Bahn oder über den Normalweg zurück zum Passo Pordoi. Anschließend über die Teerstraße per Anhalter oder mit dem zuvor doponierten Bike zurück zum Ausgangspunkt.

b) Für den Base-Climb: Nach den ersten 10 Seillängen Abseilen über die Route

c) Es kann auch auf dem Ringband nach rechts zum Normalweg auf die Südseite hinausgequert werden. Landschaftlich sehr reizvoll aber auch mühsam, über die teils abschüssige, nicht enden wollende Geröllterasse zu steigen. Zum Pordoipass ca. 1,5 Stunden. Anschließend über die Teerstraße per Anhalter oder mit dem zuvor doponierten Bike zurück zum Ausgangspunkt.

Literatur

Kletterführer New Age www.kletterfuehrer.net

Webinfo

www.montialpago.it

Bildgallerie

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