„Eisenzeit“ auf die Zugspitze

„Eisenzeit“ auf die Zugspitze

Wenn mir der Benny nichts von der „Eisenzeit“ erzählt hätte, wüsste ich wahrscheinlich bis heute noch nichts von der relativ neuen Tour. Den Focus immer nur auf gutgesicherte Plaisir- oder Sportkletter-Routen zu richten, ist mitunter einseitig – da soll’s auch noch was anderes geben. Beispielsweise 1200 Höhenmeter bis zum 4. Schwierigkeitsgrad durch die Zugspitz-Nordwand, das hört sich doch gut an. Bergsteigen.com spricht wegen der eingelagerten Zahnradbahn sogar von „Eigernordwand – light“ – noch besser – sowas wollten wir uns nicht entgehen lassen und starteten deshalb unseren Kletter-Urlaub diesesmal Richtung Wetterstein-Gebirge.

Obwohl die gesamte Tour erst wenige Jahre alt ist, gibt es im Netz bereits einige gute Berichte und Topos samt Youtube-Videos. Sehr erfreulich und auch nützlich, denn was die Orientierung betrifft ist die „Eisenzeit“ sicher kein Spaziergang. Und das fängt schon ganz harmlos hinter’m Parkplatz der Zugspitzbahn an. Da soll man „über eine Brücke die Zahnradbahn“ queren, um über die Wanderpfade hinauf zur Station Riffelriss der Zahnradbahn zu gelangen. Im Morgengrauen weit und breit keine Brücke, und die „Pfade“ waren anfangs auch nur mit viel Spürsinn zu finden. Alles nicht so einfach, und plötzlich standen wir auf den Gleisen, die in einem dunklen Tunnel verschwanden. Selber schuld, wir ließen uns gleich zu Beginn von der Beschreibung des „kürzesten Zustiegs“ verleiten …

Von hier aus folgten wir einer Waldschneise unter der Zugspitz-Gondelbahn, die zur Station Rifelriss hinaufführt. Noch ein gutes Stück davor entdeckte ich durch Zufall einen unscheinbaren Steig mit Steinmann, der nach links durch die Latschen abzweigte. Und siehe da: wir trafen auf den Wanderweg hinauf zur Riffelscharte und über ein steiles Schuttkar schließlich auf den alten Betonbunker einer Sprengseilbahn, dem eigentlichen Beginn der „Eisenzeit“. Immer diese supercoolen Abkürzer, um möglichst schnell zu sein (?) … Im nachhinein betrachtet, folgt man besser dem offiziellen Wanderweg Richtung Riffelscharte, um sicher an den Einstieg zu gelangen.

Von 1928 bis 1930 legten hier die Bahnbauer eine Art Klettersteig durch die Ausläufer der Zugspitze, damit die einzelnen Baustellen für die spätere Zahnradbahn leichter erreichbar waren. Von allen Seiten wurde gebohrt und gewerkelt. Dabei entstanden mehrere Tunnel-Systeme und Behausungen, die auch als Übernachtungs-Möglichkeit für die Arbeiter dienten. Nach der Eröffnung der Bahnstrecke am 8. Juli 1930 auf Deutschlands höchsten Berg geriet der Tunnelbauersteig dann allerdings völlig in Vergessenheit. 84 Jahre lang hatte der damals zurückgelassene Eisenschrott Zeit, in Ruhe vor sich hinzugammeln. 2013 erkundete schließlich der Garmischer Bergführer Michael Gebhardt den alten Klettersteig, der etwa in Wandmitte der schattigen Riffelwand-Nordwand bei einem Tunnel-System endet. Mit viel Gespür fand er ein Jahr später einen kletterbaren Weiterweg hinauf in die Scharte zwischen Riffelwand und dem Nordostgrat der Zugspitze. Bis 2016 wurde die Route nochmal nachgebessert und mit gelegentlichen Haken versehen.

Die „Eisenzeit“ ist beileibe kein moderner Klettersteig, wie man vielleicht annehmen könnte. Sie ist im unteren Bereich viel mehr von herumliegendem Eisenschrott geprägt. Hier trifft man unter anderem auf alte Betonbunker mit eingeschlagenen Fensterscheiben, verrosteten Drahtseilen oder Seilbahngestänge, marode Eisenleitern und feuchte Tunnel-Systeme. Oder auf die „Schlüsselstelle“, ein überdimensional großer Schraubenschlüssel, der da auf dem Weg liegt. Das ganze Material dient heutzutage der Orientierung und vermittelt dadurch den Weg durch die Tour. Man steigt lediglich dreimal eine wackelige Eisenleiter hinauf bzw. hinunter, um wieder ins freie Felsgelände oder auf Pfade zu gelangen. Die Selbstsicherung an maroden Drahtseilen ist generell nicht nötig und auch nicht ratsam. Wer weiß das schon, wie befestigt sind. Es ist immer wieder erstaunlich, was da so an rostigem Material herumliegt. Und das wird immer weniger – da nimmt sich manch einer ein mehr oder weniger schweres Andenken mit nach Hause …

Nach dem „Tunnelbauersteig“ beginnt die eigentliche Kletterei, dem etwas anspruchsvolleren Teil der Tour, was vor allem die Orientierung betrifft. Man befindet sich hier in sehr unübersichtlichen, weiträumigen und abschüssigen Flanken, die von Schotter bis hin zu brüchigen Felszonen im 2. bis 3. Schwierigkeitsgrad reichen – alles klassisch alpin und wenig richtig schöne Kletterstellen. An den exponierten Passagen trifft man gelegentlich auf Bohrhaken, die den Weg durch die Wand weisen. Wer sich einmal verstiegen hat, klettert besser wieder zurück, um an den letzten Orientierungspunkt zu gelangen. Für gelernte Alpinisten sicher kein Problem. Aber wer sich bereits zu Beginn der eigentlichen Kletterei schwer tut dreht besser wieder um, um nicht in Zeitnot oder ins Abseits zu geraten. Es sei denn, man hat einen Biwaksack mit dabei und verbringt die Nacht in einem Tunnel …

Schon manch eine Seilschaft hat sich in der unübersichtlichen Wand verstiegen. Die darüberschwebende Seilbahn ist Dauerbegleiter der Tour. Dabei haben die Bediensteten schön öfters versucht, per Handzeichen auf den richtigen Weg hinzuweisen. Die Kletterer verstanden dies jedoch als Gruß und winkten ebenso freundlich zurück, ohne zu merken dass sie von der Route abgekommen sind. Schon einige Bergwacht-Einsätze gab es hier, um gestrandete Seilschaften aus ihrer Not zu befreien.

Vom Ausstieg gelangt man über eine kurze Abseilstrecke hinab zum vielbegangenen Höllental-Klettersteig, der zur Zugspitze hinaufführt. Während man in der „Eisenzeit“ noch weitgehend alleine unterwegs ist, steht man hier an schönen Wochenendtagen plötzlich im Stau. Der Gipfel wird schließlich von zahlreichen Bergsteigern belagert und man hat Mühe, noch einen freien Platz zu ergattern. Der Blick hinüber zur Bergststation ist surreal: alles komplett verbaut, dazu Tausende Touristen aus allen Herren Lände. Das muss man mal erlebt haben …

Fazit: Die „Eisenzeit“ vermittelt einen sehr langen und abwechslungsreichen Anstieg auf Deutschlands höchsten Berg. Die Tour kann generell in vier Abschnitte aufgeteilt werden: Zustieg, Tunnelbauersteig, Kletterweg, Höllental-Klettersteig. Während der Tunnelbauersteig ein eindrucksvoll historisches Ambiente bietet und einem Freiluft-Museum gleicht, stellt der Kletterweg den Alpinisten auf die Probe. Der Anstieg etabliert sich sicher bald zu den großen „Longlines“ der nördlichen Kalkalpen. Für die Mixed-Kletterer ist die Tour auch ein richtig schönes Winterziel.

Taktik

Für ein möglichst großes Zeitfenster sollte bereits im Morgengrauen von der Talstation Eibsee gestartet werden. Es ist hilfreich, den Zustieg bereits am Vorabend ein Stück zu erkunden. Wer den Weg in zwei Etappen einteilen möchte, kann bequem in einem der Tunnel biwakieren. Nach der Tour kann auch im Münchner Haus auf dem Zugspitz-Gipfel übernachtet werden. Es besteht dazu die Möglichkeit, am zweiten Tag über den Jubiläumsgrat zurück ins Tal zu steigen.

Orientierung

Es gibt bereits einige detaillierte Beschreibungen im Internet. Das Bild-Topo von Bergsteigen.com bietet eine perfekte Veranschaulichung der strategisch wichtigen Punkte, um sich in der Tour zu orientieren. Angegebene Begriffe wie „Steinrinne, Gamseck, Eisenschrott, in den Fels gehauener Steig“ usw. müssen dabei genau eingehalten werden. Es empfiehlt sich erst dann weiterzusteigen, wenn die markanten Punkte gefunden wurden. Bei aufkommendem Zweifel steigt man besser wieder zurück, um sich wieder neu zu orientieren. In der Wand scheint überall ein Durchkommen möglich, aber abseits der Route gelangt man schnell in eine Sackgasse oder in maßlos brüchigen Schutt. Je nach fortschreitender Jahreszeit, kann hier auch noch einiges an Altschnee liegen, was die Routenfindung noch zusätzlich erschwert.

Zustieg

Der Parkplatz befindet sich bei der Talstation Eibsee, von hier aus pendelt die Gondel auf die Zugspitze. Am besten folgt man dem beschilderten Weg über die Forststraße und später über Wanderwege hinauf zur Riffelscharte Richtung Höllentalanger-Hütte. Dabei gibt es zahlreiche Abkürzer, die jedoch meist nicht eindeutig zu interpretieren sind und unter Umständen mehr Zeit kosten. Sobald man aus der Latschenzone herauskommt, führen schwache Pfadspuren über ein Geröllfeld hinauf zum bereits sichtbaren Bunker der Sprengseilbahn auf 1880 Meter Höhe, dem Beginn der „Eisenzeit“. Vom Parkplatz ca. 2 Stunden. Es besteht auch die Möglichkeit mit der Zahnradbahn zur etwas darunterliegenden Station Riffelriss hinaufzufahren und dort auszusteigen. Dies ist mittlerweile jedoch nur mit der Buchung eines Bergführers möglich.

Tunnelbauersteig

Es ist dringend anzuraten, das Topo von Bergsteigen.com mit dabeizuhaben. Wer dies genau ließt und sämtliche Orientierungs-Punkte ansteuert, ist auf der sicheren Seite. Ausgangspunkt ist der Beton-Bunker der Sprengseilbahn. Von hier führt ein langer, horizontaler Pfad überhalb eines Felsabbruchs (teilweise drahtseilversichert) über eine Rinne entlang des Gamsecks nach rechts zu einem kleinen Schrottplatz mit Kabeln. Dort schwenkt man um 180 Grad nach links und steigt zunächst unübersichtlich diagonal nach links hinauf. Über gelegentlich künstliche Felstreppen erreicht man eine wackelige Eisenleiter, der sogenannten „Harakiri-Leiter“, die im weiteren Verlauf zu einem alten Strommasten mit Scheinwerfern führt. Über weitere Stufen gelangt man zu einer großen Nische. Hier befindet sich eine kurze, ca. 6 Meter lange und brüchige Wandstufe, der schwersten Kletterstelle der Tour (4. Schwierigkeitsgrad). Die Passage lässt sich nicht absichern und ist zwingend zu klettern. Am oberen Ende befindet sich ein Bohrhaken, an dem nachgesichrt werden kann. Über weitere Eisenleitern gelangt man schließlich zu einem Tunnel-System und folgt diesem nach rechts bis zum letzten Tunnel. Dies ist der Beginn des neu erschlossenen Kletterwegs, der hinauf zum Höllental-Kletterstiegs führt. Von der Spreng-Seilbahn ca. 1,5 Stunden.

Felskletterweg

Was die Orientierung betrifft, ist dies der schwierigste Teil der Tour. Hier bietet das Topo von Bergsteigen.com wieder die beste Auskunft, deshalb verzichte ich auf eine ausführliche Beschreibung. Vom letzten Tunnel hält man sich über weite Strecken tendenziell immer nach rechts diagonal auf- oder gelegentlich absteigend in Richtung des Bayerischen Schneekars. Dabei sind immer wieder Passagen im 3. Schwierigkeitsgrad zu bewältigen. Später trifft man auf eine lange Schutthalde, über die man über Pfadspuren zu einer markanten Wand aufsteigt. Ein schwarzer Wulst wird hier über eine Rampe nach rechts umgangen. Geradeaus weiter gelangt man schließlich zur Scharte auf dem Riffelgrat östlich der Zugspitze. Dies ist das Ende der „Eisenzeit“. Vom letzten Tunnel ca. 2,5 Stunden.

Höllental-Klettersteig

Vom Ausstieg der „Eisenzeit“ folgt man wenige Meter nach Süden zu einer Eisenstange. Von hier aus kann mit einem Einfachseil zweimal (insgesamt 40 Meter) zum Höllental-Klettersteig abgeseilt werden. Vorsicht Steinschlag! Darunter befinden sich zahlreiche Klettersteig-Geher. In einer weiteren Stunde bzw. gute 300 Höhenmeter erreicht man den Gipfel der Zugspitze.

Abstieg

Vom Zugspitzgipfel über eine Eisenleiter hinüber zur vielbesuchten Gipfelstation. Von dort mit der Bahn zurück ins Tal. Es empfiehlt sich, auf der Ostseite der Gondel einzusteigen. Bei der Talfahrt kann man somit den gesamten Anstieg nochmals Revue passieren lassen. Ein schöner Abschluss der Tour – man glaubt es kaum, hier hochgestiegen zu sein!

Schwierigkeit

Im Tunnelbauersteig meist 1 – 2. Hier befindet sich jedoch die brüchige und ungesicherte Schlüsselstelle im 4. Schwierigkeitsgrad. Danach meist 2 – 3 bis zum Ende der Tour. Trotz der relativ geringen Schwierigkeiten sind bei einer Länge von insgesamt 1200 Höhenmetern jedoch eine gute Kondition, Trittsicherheit und Alpines Orientierungsvermögen gefragt. Die Tour ist nichts für Anfänger! Sie ist jedoch aufgrund des meist schrägen Verlaufs (man gewinnt nur zaghaft an Höhe) relativ steinschlagsicher. Für einen erfolgreichen Durchstieg sollte außerdem nur bei sicherem Wetter eingestiegen werden! Im Notfall kann in einem der Tunnel Schutz gesucht oder auf Unterstützung gewartet werden. Es besteht ein Zugang von Zahnradbahn in die Tunnelsysteme.

Absicherung

Es kann über weite Strecken seilfrei gegangen werden. Im oberen Teil des Felskletterwegs ist wegen der teilweise exponierten Fels-Passagen Seilsicherung angemessen. Hier befinden sich auch gelegentliche Bohrhaken bzw. eingerichtete Stände. Mobile Zwischensicherungen sind meist überflüssig bzw. schwer einzusetzen.

Material

50-Meter-Einfachseil, 6 Exen, Schlingen für die Stände. Keile und Friends sind in der Tour überflüssig und können nur in seltenen Fällen eingesetzt werden.

Zeitbedarf

Zustieg: 2 Stunden

Tunnelbauersteig: 1,5 Stunden

Kletterweg: 2,5 Stunden

Höllental-Klettersteig: 1 Stunde

Webinfo

www.bergsteigen.com

www.alpin.de

Bildgallerie

Schreibe einen Kommentar