„Guat g’flickt in Reutte“ am Säuling

„Guat g’flickt in Reutte“ am Säuling

Wer über die A 7 durch den Grenztunnel Füssen Richtung Fernpass fährt, wird sich wohl kaum dem Blick zur steilen Pyramide des Säulings entziehen können. Wenigstens wir Kletterer nicht. Das Ding sieht richtig steil aus, ob es da was zum Klettern gibt? Wie dem auch sei, auch wer nur den Normalweg nimmt, dem bietet sich vom Gipfel ein beeindruckender Blick auf die Königsschlösser Neuschwanstein und Hohenschwangau sowie auf zahlreiche Seen der Ostallgäuer Gegend. Bei gutem Wetter reicht der Blick sogar bis zum Starnberger See oder der Dampfwolke des AKW Gundremmingen hinüber. Hier auf dem Gipfelplateau kommen übrigens einer regionalen Sage nach in manchen Nächten die Hexen zusammen, um ihre Tänze zu vollführen …

Als ich das erstemal am Säuling war, kletterten wir durch die klassische Südwestwand. Wir trauten unseren Augen nicht: Links der Route, in der Gipfelwand, war ein Hakenkreuz in der Größe von 3 mal 3 Meter in die Wand gemeißelt. Ein Kunstwerk der Nazis vom 2. Weltkrieg, das bei einem bestimmten Sonnenstand ins Land grüßt, wie uns der Wirt des Säulinghauses später erzählte. Ein paar Wochen später, Mitte der 80er Jahre, die Zeit der damligen Friedensbewegung, seilten wir uns in die Gipfelwand herab. Bewaffnet mit einem großen Pinsel und einem Eimer der Farbe Signalrot, übermalten wir das Hakenkreuz durch ein Peace-Zeichen in gleicher Größe. Ein Jahr lang grüßte nun der Friede ins Land, bis ein Local unser Werk mit grauer Farbe wieder überpinselte …

30 Jahre später. Immer auf der Suche nach Neuland, suchte ich mein Glück diesesmal am Säuling. Eine Halbe Kaiserbräu auf der Terasse des Säulinghauses und der Blick auf die Felsen: Die Westwand des Kleinen Säulings war der Hammer: 150 Meter steiler Ammergauer Fels, der bekannt ist für seine Griffigkeit und Kompaktheit. Kurze Zeit darauf richtete ich hier u. a. den „Knöchelbruch“ ein, der nun zu den schönsten Routen in den Ammergauern zählt.

Später hatte ich die Idee, einen Zubringer durch den Vorbau der Säuling-Westwand Richtung Gipfelwand hinauf zu legen. In geschickter Linienführung suchte ich mit Jörg die kompaktesten Felszonen, wir umgingen schrofige Passagen durch Quergänge und erreichten somit nach 12 Seillängen den Gipfelaufbau der bereits bestehenden Routen. Nach diesem Erfolg passierte beim Abstieg durch eine Schlucht der Worst-Case: Langanhaltende Regenfälle im Frühsommer weichten das Gelände intensiv auf, ein Felsblock löste sich und zertrümmerte meinen rechten Oberarm …

Dann das übliche Programm. Hubschrauberbergung, 2 OPs, Reha, Krankengymnastik. Die Saison war so gut wie gelaufen, meine Motivation jedoch nicht zu bremsen. Im folgenden Sommer war ich wieder fit, und suchte nach einem passenden Weiterweg durch die Gipfelwand. Dafür bot sich eine alte Route aus den 80er Jahren an: „Im Westen nichts Neues“. Eher herber Charakter, alte Sanduhrschlingen, Runouts, fehlende Bohrhakenlaschen. Nach Rücksprache mit dem Erstbegeher dieser Tour sanierten wir die Route zeitgemäß und hängten am Ausstieg noch 2 eigenständige Seillängen dran. Das Ergebnis konnte sich sehen lassen: Insgesamt 16 abwechslungsreiche Seillängen durch die Westwand der Säulings, mit dem Titel „Guat g’flickt in Reutte“. Bei der Entlassung aus dem Reuttener Krankenhaus ein Jahr zuvor bekam ich ein T-Shirt mit der gleichnamigen Aufschrift …

Charakter

Mit 16 Seillängen ist dies nun die längste Route am Säuling. Die unteren 12 Seillängen führen über Pfeiler, Querungen und Schrofen hinauf zur Headwall und münden in die Route „Im Westen nichts Neues“, die wir sanierten. Ab hier wird es richtig steil, gleich zu Beginn erreicht man eine glatte Platte, die auf wenige Meter A-Null oder im 8. Grad geklettert wird. Danach folgen schöne Verschneidungen, die sich in Gipfelnähe in Rinnen und Schrofen verlieren.

Nach der 11. Seillänge besteht bei unsicherem Wetter eine Fluchtmöglichkeit über Bänder nach links zum Normalweg. Wer sich vor der technischen Platte fürchtet, kann auch nach rechts über die sanierte Südwestwand (max. 6-) zum Gipfel aussteigen.

Auch wenn die ersten 11 Seillängen gelegentlich etwas schrofig sind, ist dies eine geeignete Möchlichkeit zu den Routen in der Gipfelwand zu gelangen. Der Weg dorthin führte bisher über den Normalweg in den oberen Bereich. Gemessen am langen Zustieg von 2 Stunden, waren die Klettertouren mit bis zu 4 Seillängen bisher immer sehr kurz.

Schwierigkeit

Im Vorbau 3 bis 6+, in der Headwall 5 bis 6+. Die glatte Platte zu Beginn der Headwall kann auf wenige Meter A0 klettert werden. Insgesamt 6 obligatorisch.

Absicherung

Die Route ist komplett mit Bohrhaken abgesichert. Es sind keine mobilen Sicherungsgeräte nötig.

Material

50-Meter-Doppelseil, 12 Exen, evtl. Schlingen zur Verlängerung der Fixpunkte

Ausgangspunkt

Ortsteil Pflach bei Reutte. Am östlichen Ortsende bei der Beschilderung „Säulinghaus“ über das Bahngleis und 1 km weiter bis zum Parkplatz.

Aufstieg zum Säulinghaus

Vom Parkplatz über den Wanderweg in 1,5 Stunden zum Säulinghaus. Es kann auch auf dem Schotterweg mit dem Bike 6 km bis zu einem PKW-Wendeplatz hinauf gefahren werden. Von hier noch 30 Minuten zu Fuß zur Hütte.

Zustieg

Vom Säulinghaus nach Osten durch das Wäldchen und über Blöcke und Geröll hinauf zum Vorbau der Säuling-Westwand. Der Einstieg befindet ca. 20 Meter weiter in der linken Schluchtwand.

Abstieg

Über den Säuling-Normalweg zurück zum Säulinghaus

Stützpunkt

Säulinghaus www.saeulinghaus.at

Bildgallerie

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