Klettern am Cap Canaille

0
(0)

Klettern in den Calanques verbinden viele mit den Begriffen „En Vau, Morgiou, Sormiou“ und wie die berühmten Buchten alle heißen. Doch gleich hinter dem Hafen von Cassis fallen da auch imposante, rötlich schimmernde Wände unweigerlich ins Auge. Die Rede ist vom Cap Canaille, das mit fast 400 Metern zu den höchsten Felsklippen Frankreichs zählt. Ganz oben führt die Panoramastraße „Route des Crêtes“ mehrere Kilometer entlang des Gipfelkamms hinüber bis zum nächsten Küstenort „La Ciotat“. An den Parkbuchten tummeln sich scharenweise Touristen, um über die steil abfallenden Felswände hinaus auf’s Meer zu schauen. In der Tat ist dies ein atemberaubender Tiefblick hoch über der Côte d’Azur gelegen …

Im Gegensatz zum Kreidekalk der klassischen Calanques besteht das Riff überwiegend aus rotbraunem Sandstein oder Konglomeraten mit eingebackenen Kieselsteinen in allen Variationen. Da gibt es bizarre Formen wie abstehende, hohlklingende Schuppen, löchrige Waben, rießige Sanduhren oder enge Schlupfkamine. In manchen Routen trifft man sogar abwechselnd auf mehrere Gesteinsarten in einer Seillänge. Geologen würden begeistert sein, doch für Kletterer wirkt das ganze Sammelsurium auf den ersten Blick wenig einladend und vertrauenswürdig. Und trotzdem drängt sich der Gedanke auf, ob man hier wirklich klettern kann?

Lange Zeit lag das Cap Canaille im Dornröschenschlaf, bis sich die ersten Erschließer an die fragwürdigen Felswände wagten. Um die Jahrtausendwende entstand eine der ersten Routen mit dem Namen „Ouvreur de Bouse“, die durch die Schwachstellen eines Canyons führt. Um es gleich zu sagen: Heutzutage steht man an der Abseilpiste Schlange, um an den Einstieg hinab zu gelangen. Durch zahlreiche Begehungen ist die Tour nun völlig abgeklettert, gefahrlos zu begehen und hat sich zum vielbegangenen Klassiker am Cap Canaille etabliert.

Es war der Startschuss für eines der beliebtesten Klettergebiete an der westlichen Côte d’Azur. Mittlweile gibt es an den „Falaises Soubeyranes“, wie der Küstenstreifen auch genannt wird, weit über 100 Mehrseillängen-Routen in allen Schwierigkeitsgraden. Im Laufe der Zeit wurden die meisten Linien mit Klebehaken vorbildlich abgesichert bzw. saniert. Sämtliche Einstiege der Mehrseillängenrouten erreicht man in unmittelbarer Nähe der Parkplätze von oben her à la Verdon durch teils überhängende Abseilfahrten oder ausgetretene Pfade. Es gibt aber auch endlos lange Traversen auf Bändern, die als Kletterrouten angepriesen werden, sowie viele Sportklettergärten mit kurzen und bequemen Zustiegen. Und falls das Mittelmeer-Wasser warm genug ist, kommen auch die Freunde des „Deep Water Soloing“ auf ihre Kosten …

Wer einen Kletterlaub in den Calanques verbringt, sollte sich die Mehrseillängen-Routen am Cap Canaille nicht entgehen lassen. Die Wände sind viel höher und die Zustiege von den Parkplätzen wesentlich kürzer als in den klassichen Gebieten wie „En Vau, Morgiou, Sormiou“ Richtung Marseille. Dazu ist die Kletterei wegen der verschiedenen Gesteinformationen sehr eindrucksvoll und spannend, teilweise verrückt bis „noch nie dagewesen“. Und man gewinnt einen tollen Blick auf Cassis und die übrigen Calanques. Nicht umsonst sind die Kletterrouten am Cap Canaille so begehrt …

Übersicht

Sektor „Jas de Penna“

L’arete des Croûtes

Die Route befindet sich im linken Wandbereich des Cap Canaille. Es handelt sich um eine sehr abwechslungsreiche, originelle Linie mit einem Kamin, glatten Platten, großen Henkeln, einer überhängenden Verschneidung, Sanduhren, Schuppen und steiler Wandkletterei. Der rote Sandstein ist gut abgeklettert und die Tour mit Klebehaken perfekt gesichert. Man parkt am untersten Parkplätz an der Route des Crêtes. Es führt ein Pfad mit blauen Markierungen linkshaltend hinab zu den Einstiegen. Alternativ kann im rechten Wandbereich abgeseilt werden. Ca. 30 Minuten.

Le Poids du Papillon

Schöne Tour entlang einer Pfeilerkante. Roter Sandstein, homogene Schwierigkeiten, ausreichend gesichert. Absolut empfehlenswert. Gleicher Abstieg bei beiden Routen.

Sektor „Ouvreur de Bouses“

Ouvreur de Bouse

Die wohl beliebteste Route am Cap Canaille windet sich durch die Schwachstellen des gleichnamigen Sektors. Dadurch ergeben sich teils längere Quergänge und Routenkreuzungen. Die Linie ist abwechslungsreich und bietet sehr schöne Kletterei, allen voran die 4. Seillänge an einer löchrigen Wand. Es gibt auch tolle Verschneidungen und Überhänge mit großen Henkeln. Wegen der vielen Begehungen ist die Tour gut abgeklettert und teilweise abgespeckt. Die beste Möglichkeit, um sich an die Routen am Cap Canaille ranzutasten. Perfekt gesichert. Die Abseilpiste ist nur wenige Meter rechtshaltend vom zweiten großen Parkplatz an der Route des Crêtes entfernt. Der Einstieg ist angeschrieben.

La Bitard a Rudiste

Sehr schöne und abwechslungsreiche Route mit einem originellen Schlupfkamin, Querungen, langen Piaz-Verschneidungen und steiler Wandkletterei. Das Klettern an großen Löchern und Henkeln macht richtig Spaß. Teilweise sensationelle Seillängen mit plaisirmäßiger Absicherung. Absolut lohnend – sollte man sich nicht entgehen lassen. Es gibt mehrere Routenkreuzungen, man orientiert sich am Hakentyp. Der Einstieg ist am Wandfuß angeschrieben. Das Topo ist nicht im Führer enthalten (ich nehme an, damit die Tour nicht überrannt wird). Das Abseilen ist über beide Routen möglich.

Sektor „Albert“

Canaille Historique

Die leichteste Route im Sektor Albert bietet verschiedene Gesteinsarten wie Kalk, Sandstein und Konglomertat. Das Klettern entlang einer Pfeilerkante ist insgesamt sehr originell und mit Quergängen bzw. steilen Wänden abwechslungsreich. Manche Passagen sind etwas kraftraubend, aber gut gesichert. Lohnendes Ziel mit bequemen Zustieg und tollem Meeresblick. Zustieg vom kleinen Parkplatz Belvedere unterhalb des markanten Eisengeländers bei einer Senke. Man folgt dem Pfad mit den schwarzen Markierungen linkshaltend zum Einstieg hinab. Dieser befindet sich bei einer markanten Schuppe. Ca. 20 Minuten.

Sektor „Le Sémaphore“

Klettergarten „Ecole du Sémaphore“

Der langgezogene Felsriegel unterhalb der „Route des Crêtes“ bietet viele Sportkletterrouten in unterschiedlichen Gesteinsarten, wie Sandstein, Konglomerat und Kalk. Es überwiegen die mittleren Schwierigkeitsgrade 5c bis 6b. Die Routen sind sehr gut abgesichert und bis zu 20 m lang. Der kurze und bequeme Zustieg tragen zur Beliebtheit bei. Der Klettergarten ist sehr sonnig gelegen und bietet einen tollen Meeresblick. Geeignet bei unsicherem bzw. windigem Wetter (Mistral). Der Parkplatz befindet sich auf der Route des Crêtes vor der gesperrten Straße, die zur markanten Wetterstation führt. Man folgt dem Schotterweg, der nach Süden zum Klettergarten hinabführt. Ca. 15 Minuten.

Routenangebot am Cap Canaille

Es gibt ca. 150 Mehrseillängen-Routen, zahlreiche Klettergärten, Traversierungen und Möglichkeiten für’s Deep-Water-Soloing über dem Meer.

Absicherung

Die meisten Routen wurden mittlerweile vorbildlich saniert. Keile und Friends werden in den gängigen Routen nicht gebraucht. An zahlreichen Sanduhren kann mit Schlingen gesichert werden. Es gibt aber auch noch diverse Trad-Climbs am Cap Canaille. Hier wird das ganze Programm mobiler Sicherungen verlangt.

Ausrüstung

60-Meter-Doppelseil, 12 Exen, Schlingen, ggf. Abseilausrüstung. Für Routen, die über einen Pfad erreicht werden, genügt ein Einfachseil. Für die Trad-Climbs müssen Keile und Friends mitgeführt werden.

Die „Route des Crêtes“

Entlang des Cap Canaille verläuft die Panoramastraße „Route des Crêtes“ von Cassis nach La Ciotat. An mehreren Stellen befinden sich mehr oder weniger geräumige Parkplätze für die Touristen. Von dort aus können die Einstiege über Abseilpisten oder Pfade in bis zu 30 Minuten erreicht werden.

Beste Jahreszeit

An der Cote d’Azur kann das ganze Jahr über geklettert werden. Die Monate Oktober bis Juni bieten jedoch die angenehmsten Temperaturen.

Unterkünfte

In Cassis oder La Ciotat gibt es zahlreiche Unterkünfte, die über verschiedene Agenturen zu buchen sind. Dazu stehen Campingplätze und Jugendherbergen zur Verfügung.

Topos

Kletterführer „La Ciotat“ www.kletterfuehrer.net

Kletterführer „Winterfluchten“ www.kletterfuehrer.net

Webinfo

www.alpines-klettern.de

www.alpines-klettern.de

bergstille.de

www.sigmadewe.com

www.gipfelbuch.ch

Bildgallerie

Wie hat dir die Tour bzw. das Klettergebiet gefallen?

Klicke für eine Bewertung!

Durchschnittliche Bewertung. 0 / 5. Anzahl der Bewertungen. 0

Es gibt bisher keine Bewertung! Sei der erste, der sie bewertet.

Schreibe einen Kommentar

Diese Website verwendet Akismet, um Spam zu reduzieren. Erfahre mehr darüber, wie deine Kommentardaten verarbeitet werden.