Klettern im Maggia Tal

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Als wir Anfang der 90er Jahre das erste mal am Einstieg der „Speroni di Ponte Brolla“ standen, drehten wir kurzentschlosssen wieder um. Kopfschütteln, was hat diese Rutschbahn mit Klettern zu tun? Endlos lange glatte Plattenschleicher, noch dazu ohne nennenswertem Gipfel, auf dem man einmal gestanden sein wollte. Wir folgten damals unserem Häuptling Bernt, gerade aus dem Yosemite zurück gekehrt, ins hochgelobte Granitland Maggia Tal. Klettertechnisch uns um Meilen voraus, brachte er damals eine ganz andere Sichtweise aus dem Urlaub zurück, die wir erstmal begreifen mussten.

Damit die 300 Kilometer Anfahrt vom Allgäu nicht ganz umsonst waren, stiegen wir skeptisch, aber doch erwartungsvoll in die von ihm empfohlene „Fantasia“ am Scaladri bei Avegno ein. An der schlecht gesicherten Schlüsselstelle hielt ich längere Zeit den Kletter-Betrieb auf, worauf ein Schweizer Platten-Spezialist meinte, ich sollte doch erst mal an die Ponte Brolla zum Üben gehen. Ponte Brolla, ja ganz toll! Botanische Wandfluchten mit Bändern durchzogen, Stände an den Bäumen, für damalige Verhältnisse ein absolutes NoGo für uns Nordalpen-Kletterer. Schließlich landeten wir an den „Pinoccio-Platten“ am Monte Garzo und langsam kam der Geschmack für diese seltsame Art des Kletterns doch noch auf …

Mittlerweile machen wir auf der Durchreise über den San-Bernardino-Pass im Maggia Tal immer wieder Halt, die Sichtweise hat sich im Laufe der Zeit tatsächlich geändert. Platten-Klettern gehört eben auch dazu, siehe Eldorado am Grimselpass. Im Zeitalter des Plaisir-Kletterns geht es mehr um den Spaß- und Sicherheitsfaktor und nicht immer um einen namhaften Gipfel. Das Basislager auf dem Camping-Platz, kurze Zustiege, nach dem Klettern Chillen an der glasklaren, nahegelegenen Maggia. Es wurden immer wieder neue Routen dazu erschlossen, die mehr oder weniger einen gewissen Anspruch beinhalten. Trotz zahlreicher Begehungen ist der für die Gegend typisch gemusterte Granit noch wenig abgespeckt. Die Sohlen wurden immer besser, die Schuhe immer enger, und nach vielen Klettermetern in diesem Terrain ließ sich auch die Schlüsselstelle in der Fantasia (6b) bald überwinden. Die benachbarte „Taroc“ entwickelte sich im Laufe der Zeit sogar zu einer meiner Lieblingstouren …

In jüngerer Zeit wurde auch u. a. auch die Headwall überhalb der Plattenzonen am Monte Garzo erstbegangen. Häns Müller, einer der fleißigsten Haupterschließer im Maggia Tal, fand in geschickter Linienführung kletterbare Wege durch die steilen Wände. Mit fast 20 Seillängen gelang ihm u. a. die „Alhambra“, die längste Tour der Gegend. Neben den anspruchsvollen Routen gibt es mittlerweile zahlreiche anfängertaugliche, gut abgesicherte Mehrseillängen-Touren in den unteren Graden. Vor allem am auf den ersten Blick unscheinbaren Hügel „Castelliere“ überhalb der Ponte Brolla wurde nichts ausgelassen, was irgendwie kletterbar wäre. Der Kletterführer spricht Bände. Pesche Wüthrich richtete an der schattigen steilen Ostwand einen Klettergarten ein, in dem auch die hartgesottenen Sportkletterer auf ihre Kosten kommen.

Während es im Sommer oft zu heiß und die Campingplätze maßlos überfüllt sind, bietet sich das Klettergebiet vor allem im Frühjahr oder Herbst an. Wenn auf der Alpennordseite noch tiefster Winter herrscht, blühen hier in der Sonnenstube „Tessin“, oft im März schon die Forsythien. Nicht selten trifft man zur Ferienzeit in den frühen Morgenstunden auf Kletterer, die mittags wieder zurück bei ihren Familien sein möchten. Die Nähe zu den Felsen samt Campingplätze an der Maggia bieten sich somit auch für einen Familienurlaub an. Idyllische Seitentäler wie das Val Gorduno oder Val Verzasca sind geeignete Ausflugsziele mit weiteren Klettermöglichkeiten.

Ponte Brolla

Das Hauptklettergebiet „Castelliere“ am Beginn des Maggia Tals. Unzählige Ein- und Mehrseillängen-Routen meist in den mittleren Schwierigkeitsgraden. Perfekt gesichert, geringer Zustieg, Abseilen über die Routen. Die üppige Routendichte veranlasste manche Seilschaften kreuz und quer durch die Wand zu klettern. Um diesem Übel entgegen zu wirken, wurde die Bohrhakenlaschen teilweise eingefärbt. Der Wandfuß gestaltet sich meist familienfreundlich. Anfängertauglich, deshalb herrscht hier oft reger Kletterbetrieb. Ein idealer Standort, um sich ans Mehrseillängen-Klettern ranzutasten.

Placca di Tegna

Links des Sektors „Castelliere“. 40 Ein- und Mehrseillängen-Routen in den unteren Graden. Perfekt gesichert, geringer Zustieg, der Fußabstieg wird empfohlen. Familienfreundlich und absolut anfängertauglich.

Klettergarten „Castelliere Est“

Da im Kastanienwald gelegen, schattiges Ambiente, für heiße Tage geeignet. Ca. 50 Sportkletterrouten bis zum Schwierigkeitsgrad 8a. Wenige Routen im Bereich 5c bis 6b. Familienfreundlich, meist gut gesichert.

Speroni di Ponte Brolla

Die meistbegangene Mehrseillängen-Tour im Maggia Tal entlang einer markanten Kante. Maximal 6a bzw. 5b obligatorisch. Zur Ferienzeit bzw. an Wochenenden ist mit erhöhter Staugefahr zu rechnen. Wie eine Perlenschnur reihen sich die Seilschaften bis zum Gipfel empor. In der unteren Wandhälfte (Plattenzone) bieten sich zwei Aufstiegslinien an. Im oberen Bereich steile, sehr schöne Wandkletterei. Perfekt gesichert. Durchgehend botanischer Fußabstieg entlang eines mehr oder weniger ausgetretenen Pfades, wo sich schon manch eine Seilschaft im Herbstlaub verlaufen hat. Links (Placca di Maoph) und rechts der Kante befinden sich weitere kurze Mehrseillängen-Routen in den unteren Graden. Diese sind perfekt gesichert, familienfreundlich und für Anfänger geeignet. Hier Abseilen über die Routen.

Monte Garzo

Die höchste Wand mit den längsten Routen im Maggia Tal. Die untere Wandhälfte, auch „Pinoccio-Platten“ genannt, bietet ca. 10 Routen mit schöner Plattenkletterei bis zu 5 Seillängen und etwas weiteren Hakenabständen. Abseilen über die Routen.

„Havanna“. Die vielleicht schönste Tour der Pinoccio-Platten. 5 Seillängen maximal 6a, bzw. 5c obligatorisch. Gut gesichert, zwischen den Haken muss jedoch zwingend geklettert werden. Ein Testpiece für Neulinge, was das Platten-Klettern betrifft. Abseilen über die Route.

„Alhambra“. Mit 18 Seillängen die längste Tour am Massiv. Maximal 6b+ bzw. 6a+ obligatorisch. Unten plattenlastig, später gelegentliche Steilstufen, die in einen Wald führen. Hier horizontal nach rechts zur Headwall. Es dominiert nun steile Wandkletterei mit Verschneidungen und geschickt eingebauten Quergängen. Dieser Abschnitt gestaltet sich besonders spannend und abwechslungsreich. Für ausdauernde Kletterer, die den Schwierigkeiten gewachsen sind, die Pflicht-Tour im Maggia Tal. Ausreichend abgesichert. Fußabstieg nach links über einen ausgetretenen Pfad und einer Abseil-Stufe zurück ins Tal.

„Via Serenissima“. Maximal 6b+ bzw. 6a+ obligatorisch. Unten typische Plattenkletterei mit etwas weiteren Hakenabständen. Der botanische Abschnitt in Wandmitte wird geschickt über weitere Plattenabschnitte überwunden. Es folgt eine Querung nach links zur Headwall, die mit einer kurzen Verschneidung an einer fixierten Schuppe beginnt und in weitere Plattenzonen übergeht. Die Tour wird nach oben hin immer schwerer und mit zwingenden Kletterpassagen immer anspruchsvoller. Gelegentlich weite Hakenabstände. Vorstiegsmoral, Ausdauer und bequeme Kletterschuhe sind dabei von Vorteil. Abseilen über die Route. Vorsicht, in der unteren Wandhälfte befinden sich viele Seilschaften an den Baseclimbs.

Scaladri

Weiter taleinwärts bei Avegno gelegen. Traditionsreicher Sektor, hier wurden in den 80er Jahren die ersten Routen bis zu 10 Seillängen erstbegangen. Trotz Sanierungen immer noch anspruchsvoller Routencharakter. Meist weite Hakenabstände und zwingende Kletterpassagen. Durch das üppige Routennetz und Kreuzungen wird die Routenfindung erschwert. Kurzer Zustieg. Am Ende der Routen Fußabstieg nach rechts über Pfade und Wanderwege zurück ins Tal.

„Fantasia“. Eine der ersten Routen am Massiv. Die Erstbegeher suchten sich den leichtesten Weg durch den rechten Wandteil. Schlechtgesicherte Schlüsselstelle am Beginn der Route. Enge Kletterschuhe sind hier für die kleinen Tritte von Vorteil. Im oberen Bereich einige Kreuzungen mit anderen Routen. Der Routenverlauf ist mit Pfeilen teilweise markiert.

„Taroc“. Sehr schöne Route im zentralen Wandbereich. Maximal 6b+ bzw. 6a+ obligatorisch. Trotz vernünftiger Absicherung mit Bohrhaken ist mit zwingenden Kletterpassagen zu rechnen. Im oberen Teil einige Routen-Kreuzungen, Varianten und Verwirrungen. Dennoch sehr lohnend.

Torbeccio

Netter kleiner Klettergarten mit gut gesicherten Anfängertouren in ruhigem Ambiente taleinwärts hinter Avegno. Der Zugang erfolgt über eine Stahlbrücke, welche nach links über die Maggia führt. Über eine Wiese gelangt man zu den Felsen. Dahinter befindet sich eine langgezogene Wand mit einigen schweren Sportkletter-Routen. Darunter „Viso di Luna“ mit 4 Seillängen bis zum 8. Schwierigkeitsgrad.

Anfahrt

Von Locarno am Lago Maggiore nach Ponte Brolla, dem Beginn des Maggia Tals. Von hier weiter taleinwärts Richtung Avegno. Der Campingplatz „Piccolo Paradiso“ auf der linken Talseite gilt als nahegelegener Ausgangspunkt zu den Felsen.

Absicherung

Die leichteren Routen mit Anfänger-Charakter sind generell gut mit Bohrhaken gesichert. Bei den schweren Routen ab 6a ist oft mit zwingenden Kletterpassagen zu rechnen. Wegen des meist plattigen Charakters kann in seltenen Fällen mit Friends in Rissen optimiert werden.

Material

Sportklettern: 70-Meter-Einfachseil, 12 Exen, bei darüberliegenden Routen ist ein Helm anzuraten.

Mehrseillängen-Routen: 60-Meter-Doppelseil, 14 Exen, Bandschlingen, Abseilausrüstung, Helm. Bei den Routen am Scaladri sind Friends mittlerer Größe einsetzbar.

Übernachtung

Im August ist es praktisch unmöglich im Maggia Tal eine Unterkunft zu bekommen. Die Campingplätze und Pensionen sind hoffnungslos belegt. In der Nebensaison empfiehlt sich u. a. der Campingplatz „Piccolo Paradiso“ zwischen Ponte Brolla und Avegno direkt an der Maggia gelegen. Wildes Campieren (Waldbrandgefahr) und Übernachten auf den Parkplätzen wird hier streng kontrolliert und ggf. ist mit hohen Bußgeldern zu rechnen.

Topos

Kletterführer Schweiz Plaisir Süd, www.filidor.ch

Kletterführer Ticino e Moesano, http://www.kletterfuehrer.net

 

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