Klettern in Chulilla

Klettern in Chulilla

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In Chulilla kommt einiges zusammen, was mir in guter Erinnerung bleibt. Unsere Ferienwohnung im 3. Stock mit dem Luxus einer Dachterrasse, gewährte uns einen freien Blick auf den Canyon mit seinen vielen Kletter-Routen. Bereits morgens schienen die ersten Sonnenstrahlen in die eindrucksvollen Wände. Ein paar Häuser weiter die legendäre Bar „Goscanós“, in der sich jeden Abend die Kletter-Szene trifft und Chulilla seinen typischen Flair verleiht: Typen mit Rasta-Locken, Woll-Mützen, mit Tape geflickte Daunenjacken und allgegenwärtig der unverwechselbare Duft selbstgedrehter Joints. Man darf sich nicht täuschen lassen: am nächsten Tag projektieren die Jungs wieder stundenlang eine Route im 9. oder 10. Grad, und es hallen dabei immer wieder ausgelassene Schreie nach einem zigfachen Durchsteigungs-Versuch durch den Canyon.

Obwohl bereits im Ü-50-Status befindlich, gesellten wir uns in der Sylvester-Nacht im „Goscanós“ zur Party unter die Youngsters. Sämtliche Tische und Stühle wurden zuvor weggeräumt, die Fläche zum Tanz frei gegeben. Die lauteste Techno-Musik, der ich mich jemals ausgeliefert hatte, löste die Blende einer Klima-Anlage von der Decke und schlug knapp neben mir am Boden ein. Mit viel Glück erlebte ich den Jahreswechsel unversehrt. Es war eine kurze Nacht, die Bässe drangen bis zu unserem Quartier hinüber, und am gleichen Vormittag begaben wir uns wieder in den sonst überlaufenen Canyon. Ein kurzer Blick in die Bar: immer noch alles vernebelt, die gleiche Ausgelassenheit wie schon Stunden zuvor, da konnten wir beileibe nicht mehr mithalten …

Schon nach wenigen Tagen waren wir uns einig, Chulilla zählt zu den interessantesten Kletter-Spots auf dem Spanischen Festland. Das Dorf ist malerisch an einen Burghügel hingebaut, enge Gassen führen in die verschiedenen Kletter-Sektoren. Es gibt Routen ohne Ende, alles in einen weiträumigen Canyon eingebettet, und die meisten davon sind zu Fuß bequem erreichbar. Für ein paar Randgebiete abseits des Rummels fährt man besser mit dem Auto und wird dadurch mit absoluter Ruhe belohnt. Weitere lohnende Spots wie Gestalgar, Jérica oder die berühmte Montanejos-Schlucht mit ihrem 25 Grad warmen Bachlauf eignen sich für Ausflüge, um weitere Eindrücke der näheren Umgebung zu gewinnen. Dabei fährt man durch zahlreiche Orangen-, Kaki- oder Mandel-Plantagen und erlebt den Sonnen-Reichtum zum Jahreswechsel in dieser Gegend.

Nach den ersten Erschließungen in den 80er und 90er Jahren und dem folgenden Dornröschenschlaf hat Chulilla mittlerweile eine Renaissance erfahren. Seit der Jahrtausendwende wurde der Bedarf an Routen mit moderaten Schwierigkeiten erkannt und weitere Sektoren wurden neu dazu erschlossen. Die Besitzer der Bar „Goscanós“, drei Österreicher, ein Schweizer und ein Spanier, sind weiterhin bemüht im weiläufigen Canyon neue Linien einzurichten. Diese befinden sich jedoch wie die meisten Routen jenseits der 6c-Grenze. Das Potential scheint noch lange nicht ausgeschöpft.

Es gibt auch einige leichtere Routen bis 6a, doch im Gegensatz zu El Chorro oder Alicante trifft man hier auf nur wenige Anfänger. Geschichtlich betrachtet, war Chulilla schon immer ein Gebiet für Kletterer in den den oberen Schwierigkeitsgraden und besitzt dadurch einen internationalen Bekanntheitsgrad. Die bis zu 40 Meter langen Sinter-Routen im weitläufigen Canyon trugen sicher dazu bei. Dennoch befinden sich hier auch einige Sektoren mit einem üppigen Angebot im Schwierigkeitsgrad 5c bis 6b. Wer dies beherrscht, kann sich hier gut 2 Wochen aufhalten. Die Bewertung ist im Allgemeinen jedoch eher streng einzustufen.

Einige gängige und schnell erreichbare Routen bzw. Sektoren sind allerdings mittlerweile schon relativ abgespeckt und deshalb schwieriger als im Führer angegeben zu bewerten. Neuere Randgebiete wie z. B. „Cherales“ bieten aber auch noch schöne Linien mit angenehm rauen Felsstrukturen. Wahlweise gibt es Wände, die vormittags oder nachmittags in der Sonne liegen. Überraschend angenehm ist es, dass zum Jahreswechsel aufgrund des Sonnenstands noch fast bis 18 Uhr geklettert werden kann. Für einen Ruhetag bietet sich eine kilometerweite Schluchtwanderung entlang des Rio Turia über eine Hängebrücke an.

Obwohl es in Chulilla zahlreiche Unterkünfte gibt, ist das massenhaft wilde Campieren auf Parkplätzen oder in der Maccia am Ortsrand mittlerweile ein großes Problem. PKW’s und Wohnmobile sind dort auf Wochen dauer-stationiert. Es wird Müll ohne Ende produziert, sanitäre Anlagen fehlen. Auch wenn das Klettern mittlerweile ein Wirtschaftsfaktor darstellt, wird die Toleranz der Anwohner stark strapaziert. Grundstückseigentümer und festgefahrene Gesetze vereitelten bis jetzt eine durchgreifende Reglementierung. Unser Vermieter meinte, es dauert wohl noch 2 Jahre bis sich die Gemeinde zum Bau eines offiziellen Campingplatzes durchgerungen hat.

Chulilla

Das kleine Dorf ist vor allem vom Kletter-Tourismus geprägt. In den Sommer-Monaten dürfte es hier vergleichsweise ruhiger sein. In Chulilla gibt es viele engen Gassen und ist sehr malerisch an einen großen Hügel hingebaut. Auf dem höchsten Punkt steht eine Burgruine mit aussichtsreichem Blick auf die nähere Umgebung. Im Ort gibt es zwei kleine Lebensmittel-Läden, die für einen Aufenthalt relativ ausreichend sind. Für den nächsten Supermarkt fährt man ca. 10 Kilometer. Die Besitzer der Bar „Goscanós“ betreiben außerdem einen kleinen Kletter-Laden und man bekommt wie auch in der Bar viele wertvolle Tipps der Gegend. Am nördlichen Ortsrand gibt es einen großen Parkplatz, dem schnellsten Zugang in den Canyon. Die ersten Kletterrouten sind von hier aus bereits nach wenigen Minuten erreichbar.

Absicherung

Die ersten Haken liegen meist angenehm tief, danach ist allerdings mit längeren Abständen und zwingenden Kletterpassagen zu rechnen. In den leichteren Routen bis 6a ist die Absicherung als gut zu bezeichnen.

Ausrüstung

Viele Linien sind bis zu 35 Meter lang, deshalb ist ein 70-Meter-Seil anzuraten. Dies ist auch bei den Mehrseillängen-Routen ausreichend. Für die längeren Anstiege werden bis zu 15 Exen benötigt.

Routenangebot

Ca. 15 Routen im Schwierigkeitsgrad 4b

Ca. 10 Routen im Schwierigkeitsgrad 5a

Ca. 20 Routen im Schwierigkeitsgrad 5b

Ca. 40 Routen im Schwierigkeitsgrad 5c

Ca. 60 Routen im Schwierigkeitsgrad 6a

Ca. 70 Routen im Schwierigkeitsgrad 6a+

Ca. 70 Routen im Schwierigkeitsgrad 6b

Ca. 60 Routen im Schwierigkeitsgrad 6b+

Ca. 60 Routen im Schwierigkeitsgrad 6c

Ca. 60 Routen im Schwierigkeitsgrad 6c+

Ca. 500 Routen bis zum Schwierigkeitsgrad 8c+

Die gängigsten Sektoren

Cherales

Sehr ruhig und sonnig über einer Orangen-Plantage gelegen. Der Sektor bietet das vielleicht beste Routenangebot in den gemäßigten Schwierigkeitsgraden. Der Fels ist noch wenig abgklettert und teilweise scharfkantig und rau. Von Chulilla ca. 6 km entfernt.

Sex-Shop

Überwiegend schwere und abgespeckte Sportkletter-Routen. Eine etwas leichtere Möglichkeit durch die gesamte Wand zu steigen, bietet die 4-Seillängen-Tour „Orgasmathron“. Die Route beginnt mit einer Querung und endet in einer langen Verschneidung. Sehr schön und daher empfehlenswert, aber leider schon etwas abgespeckt. Abseilen über die Route.

Muro de las Lamentaciones

Sehr beliebter Sektor mit einigen langen 6b-Routen, die oft wie in der Halle dauerbelegt sind. Aufgrund der erhöhten Frequenz teilweise sehr abgespeckt. Zu Zeiten der Erstbegehungen sicher ein beeindruckendes Erlebnis.

Ceguera

Mit 2 Minuten Zustiegszeit der am schnellsten erreichbare Sektor in Chulilla. Aufgrund der hohen Frequenz teilweise sehr abgespeckt. In den leichteren Routen sind die ursprünglichen Schwierigkeitsgrade nicht wieder zu erkennen und es kann bis zu einem Grad dazu gerechnet werden. Trotzdem gibt es auch hier einige schöne und noch gut zu machende Routen im Bereich 6a bis 6b.

Competition

Der schnell erreichbare Sektor besticht durch zahlreiche schwere Dächer. Jeweils eine 5c- bzw. 6b-Route rechtfertigen ein Besuch, da die Felsen nachmittags in der Sonne liegen. Im Anschluss nach dem Sektor Ceguera empfehlenswert.

Paneta

Malerischer Zugang durch die engen Gassen von Chulilla. Sehr schön unter der Burg gelegen. Bereits in den Morgenstunden von der Sonne beschienen. Viele Routen im Bereich 5c bis 6c, teilweise 2 Seillängen lang. Noch überraschend wenig abgespeckt. Gut gesichert.

Fantasia

Der sehr schöne, sonnige und ruhig gelegene Sektor bietet viele lange Routen im Bereich 5a bis 6b. Teilweise bis zu 2 Seillängen lang. Nach oben hin gelegentliche Runouts mit zwingenden Kletterpassagen. Kurzer Zustieg, kompakter Fels, noch relativ wenig abgespeckt. Ca. 3 km von Chulilla entfernt.

Masters

In der Nähe des Stausees gelegen, mit dem Auto ca. 8 km entfernt. Eine der leichteren Möglichkeiten, sich an den hinteren Teils des Canyons ranzutasten. Wenige 6b-Routen. Sehr schön und ruhig gelegen. Teilweise versintert und rötlicher Fels.

Miguel Gómez

Der Sektor bietet einige leichte Routen im Bereich 4c bis 6a. Sehr schön über dem Fluss gelegen. Der Zustieg erfolgt eine spektakuläre Hängebrücke, dies bietet sich auch für einen Wandertag an. Überwiegend im Schatten gelegen.

Beste Reisezeit

Die Bar „Goscanós“ hat lediglich von Oktober bis Mai geöffnet. Dies ist wohl die beste Zeit in Chulilla einen Kletterurlaub zu verbringen. Auch zum Jahreswechsel trifft man hier meist auf viel Sonne. Nachts kann es um den Gerfrierpunkt sehr kalt werden, untertags klettert man schließlich im T-Shirt und kurzen Hosen.

Unterkunft

Es bieten sich zahlreiche Appartements zur Übernachtung an. Am Ortsrand befindet sich das preisgünstige „Rifugio Altico“. Siehe www.elaltico.com Sehr schön am höchsten Punkt über der Schlucht gelegen, kann dort in Mehrbettzimmern genächtigt werden. Die Unterkunft stellt eine Selbstversorger-Küche zur Verfügung. Wir entschieden uns für eine Ferienwohnung bei den „Apartamentos La Muela“. Siehe www.lamuelarural.com Die Zimmer sind sehr gepflegt, der Vermieter spricht englisch und ist sehr kommunikativ. Empfehlenswert ist oberste Wohnung im 3. Stock, sie bietet eine Dachterasse mit freiem Blick in den Canyon.

Anreise

Flug nach Valencia. Mit dem Mietauto noch ca. 50 Kilometer nach Chulilla. Es kann auch mit dem Bus angereist werden, da viele Kletter-Routen vom Ort aus zu Fuß erreichbar sind.

Literatur

Kletterführer Chulilla. www.kletterfuehrer.net

 

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