Klettern in El Chorro (Andalusien)

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24. Dezember, Flughafen Memmingen im Unterallgäu, es regnete in Strömen. Um das Reisegepäck für den Ryan-Air-Flug gering zu halten, zogen wir alles an, was nicht mehr in den Kletterrucksack passte. Nach 3 Stunden Flugzeit erreichten wir Malaga und verließen das Flughafen-Gelände. Ich traute meinen Augen nicht: In einem Café saß im Außenbereich eine Gruppe Touristen im T-Shirt mit Sonnenbrille, 20 Grad beim Café con leche. Wahnsinn, wo sind wir hier gelandet, schnell die Klamotten runter … Wir wurden von Linda und Alex vom Flughafen abgeholt, 2 Stunden später waren wir am Fels. Nach den ersten beiden Routen suchten wir den Schatten zwischen den Palmen. Hochsommerliche Temperaturen, krasser können die Gegensätze nicht sein …

Neben den vielen Klettermöglichkeiten ist El Chorro vor allem wegen seines berühmten „Camino del Rey“ bekannt. Der einst „gefährlichste Wanderweg der Welt“ wurde mittlerweile saniert und für eine Begehung muss man sich anmelden und Eintritt bezahlen (siehe www.caminitodelrey.info/de). Wir durften den über 100 Jahre alten „Königspfad“, der ursprünglich zur Stromgewinnung durch Wasserkraft gebaut wurde, noch in seinem Urzustand erleben: Am Rand einer tiefen engen Schlucht wurden Rohrleitungen und Eisenstützen mit Betonplatten als Steg zur Bewartung der Rohrleitungen in die steile Wand befestigt. In jüngerer Zeit wurde der exponierte „Klettersteig“ jedoch immer mehr zur Touristenattraktion. Leider kümmerte sich niemand mehr um den Zustand des Weges und so entstanden im Lauf der Jahre Löcher am Boden, Stützen brachen ab, Sicherheit gab es nur noch am später fixierten Drahtseil entlang der Schlucht. Trotzdem ließen hier einige ihr Leben, stürzten unverhofft in die Tiefe. Für unsere Verhältnisse kaum vorstellbar, dass hier auch schon spanische Schulklassen durchgeschleust wurden … Seit 2015 ist der Weg wieder sicher zu begehen und gehört somit zum Pflichtprogramm des Kletterurlaubs.

El Chorro hat außer 2000 Kletterrouten, einem verstaubten Klettershop, Tante-Emma-Laden, rustikalen Campingplatz und einer Bar am Bahnhof nicht viel mehr zu bieten. Restaurants sind in der Gegend eher Mangelware bzw. etwas außerhalb gelegen. Wer bei einem Ruhe- oder Schlechtwettertag kulturell unterwegs sein möchte, fährt besser nach Ronda, Malaga, oder Granada und reiht sich in den Touristenstrom zur Alhambra ein. Im Sommer ist es hier zu heiß zum Klettern, das kleine Dorf scheint wie ausgestorben zu sein. Deshalb ist die beste Zeit wohl über die Wintermonate bis ins Frühjahr hinein. Obwohl El Chorro einen Bahnhof besitzt (ca. 50 km von Malaga), ist ein Mietauto ratsam. Einige Klettergebiete bzw. Supermärkte sind doch etwas weiter entfernt gelegen.

Die Unterkunft

Wir waren in der „Climbing-Lodge“ untergebracht, siehe www.klettern-in-spanien.de. Hier gibt es saubere Zimmer mit sehr gutem Frühstücksbüffet incl. Lunchpaket, Kochgelegenheit für den Abend, Duschen, Waschmaschinen und einem Pool im Außenbereich. Der Ess- und Aufenthaltsraum sorgt für Bekanntschaften, Austausch und Unterhaltung mit den vielen Gästen aus allen Nationen. Wer seinen Urlaub ruhiger verbringen will, kann eines der seperaten Selbstversorger-Appartements nebenan mieten. Die Lodge wird von einem deutschen Paar vorbildlich geführt, ein Top Preis-Leistungs-Verhältnis und man bekommt dazu jede Menge Kletter-Infos, Updates und ggf. Kursangebote für Anfänger. Viele Sektoren sind in ca. 10 – 45 Minuten zu Fuß erreichbar, mobil natürlich schneller. Den nächsten Supermarkt gibt’s in Abdalajis samt Klettergebiet ca. 10 km entfernt. Sicher gibt es einige weitere Übernachtungsmöglichkeiten in Fincas usw., doch ein Aufenthalt in der Climbing-Lodge erleichtert die Sache doch um einiges.

Gesamtansicht El Chorro

Die Sportkletterrouten

2000 Kletterrouten verteilen sich auf 26 Sektoren, siehe Übersicht El Chorro auf der Homepage der Climbing-Lodge. Von der gemütlichen Platten-3a bis zum versinterten 8a-Überhang in der Grotte ist hier alles geboten. Die Felsstrukturen sind vielfältig und überwiegend kompakt. Die Sektoren sind meist südseitig, so dass es schnell mal zu warm werden kann. Es gibt aber auch Gebiete, die untertags im Schatten liegen, wie zum Beispiel Desplomilandia, das landschaftlich sehr reizvoll ist. Die Zustiegszeiten bewegen sich je nach Lage der Unterkunft von 10 – 45 Minuten. Das Team der Climbing-Lodge ist ständig bemüht neue Routen vor allem in den unteren Schwierigkeitsgraden für ihre Kursangebote einzurichten. Topos gibt’s auf deren Internetseite. Eine weitere gute Adresse mit den meisten Gebieten: http://therock.lt/biblioteka/ElChorroEscalada.pdf . Oder schließlich der Kletterführer von El Chorro 2008 vom Rockfax-Verlag, Pflichtlektüre für einen Aufenhalt.

Die Mehrseillängen-Routen

Einen Kletterführer mit den gesamten Mehrseillängen-Routen gibt’s leider (noch) nicht. Wenige Touren fanden wir in einem älteren El Chorro Führer. Kopien und Infos sind in der Climbing-Lodge erhältlich. Einige Topos sind im Netz zu finden. Die meisten Mehrseillängen-Routen befinden sich im Sektor Frontales. Wir stiegen in folgende Routen ein:

„Amtrax“ im Sektor Frontales

Die Amtrax ist die vielleicht meistbegangene Mehrseillängen-Tour in El Chorro. Am besten ganz früh oder spät einsteigen, um dem Stau zu entgehen. Der Zustieg erfolgt über den Campingplatz zum Sektor Frontales, anschließend nach rechts ansteigend und über Schrofen links hinauf zum Einstieg bei einer großen Ausbuchtung (ca. 15 min.). Die Kletterei ist schön, gut gesichert, schon etwas abgegriffen und reicht bis zum oberen 6. Schwierigkeitsgrad. Insgesamt eine eher gemütliche Unternehmung, es kann zusätzlich mobil gesichert werden, Abseilen über die Route Ébola.

„Ébola“ im Sektor Frontales

Genauso schön und gut gesichert wie die Amtrax, nur etwas schwieriger (max. 6b), weniger frequentiert, dafür Abseilstau von oben. Gleicher Zustieg wie Amtrax, Einstieg wenige Meter rechts daneben. Abseilen über die Route

Topos der Routen Amptrax und Ébola

„Zeppelin“ in der Schlucht beim Camino del Rey

Die Zeppelin-Route befindet sich in der engen Schlucht des Camino del Rey und ist einer der großen Klassiker in El Chorro. Das Abenteuer beginnt bereits beim Zustieg: Von El Chorro geht es zu Fuß durch die ersten beiden Eisenbahntunnel und man sollte sich dabei nicht erwischen lassen, sonst zahlt man mehrere hundert Euro nachträgliche Maut. Aber so macht es nun mal jeder, um an den Einstieg der Tour zu gelangen. Nach dem zweiten Tunnel steigt man teilweise abseilend unter dem Eisenbahnviadukt hinunter zum Fluß. Hier rechtshaltend unter die große Plattenflucht zum Einstieg.

Die Route ist sehr abwechslungsreich, steile Plattenkletterei mit Löchern und Rissen, dazwischen wird ein Überhang überwunden (Schlüsselstelle frei 8, sonst 6 A1). Nach oben hinaus dominiert ausgesetzte Gratkletterei, gespickt mit einer 6b-Wand. Teilweise alpine Absicherung, längere Runouts, aber auch gebohrte Zwischen- und Standhaken. Mit kleineren Keilen und Friends kann teilweise dazu gesichert werden. Die Hauptschwierigkeiten belaufen sich auf 5 Seillängen 6 a – c, sonst 3 – 5. Der Schwierigkeitsgrad 6a+ ist obligatorisch, zwischen den Haken ist Klettern angesagt.

Am Ende der oberen Gratkante flacht das Gelände ab und man steigt nach links über Wiesen, Maccia und Geröll zurück zur Eisenbahnlinie. Von hier gelangt man über einen Wanderweg am Ende des Camino del Reys zurück zu einer Straße und mit einem Shuttelbus nach El Chorro. Der Rückweg über den Camino ist neuerdings anscheinend nicht gestattet und dadurch viel aufwender. Die Mutigen werden wohl die viel schnellere Eisenbahntrasse bevorzugen. Insgesamt handelt es sich dabei um eine spannende, abgeschiedene, alpin angehauchte Unternehmung, die Abwechslung in den Sportkletteralltag bringt. Der Blick in die Schlucht und zum Camino del Rey sind eindrucksvoll, ein Klettererlebnis, wie man es selten findet und nie vergisst.

Topo der Route Zeppelin

„Rogelio“ im Sektor Araba/Suiza

Schöne lange, gut gesicherte 11-Seillängen-Plaisirtour überwiegend im 4. Grad. Die Schlüsselstelle (6a) in der vorletzten Seillänge ist sehr schön aber zwingend zu klettern. Zustieg von den östlichen Ausläufern des El Chorro Massivs nach links, vorbei an einer schön gelegenen Finka zum Sektor Araba/Suiza. Fußabstieg nach Norden und rechts um das Massiv.

Topo der Route Rogelio

 

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