„Medea“ am Zervreilahorn

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Schon seit langer Zeit hatten wir vom Zervreilahorn und seinen magischen Routen gehört, doch unsere Urlaubs-Achse führte uns immer daran vorbei. Im Sommer 2020 war es nun endlich so weit, wir wagten einen Abstecher und fuhren den langen Weg durchs abgelegene Valsertal zum Zervreilasee hinauf. Der Stausee liegt in einer landschaftlich eindrucksvollen Umgebung und verzweigt sich am hinteren See-Ende in die verschiedenen Seitentäler. Darüber trohnt schon von weitem sichtbar das markante Zervreilahorn, das zu den schönsten Berg-Gestalten in der Ostschweiz zählt.

Bereits am nächsten Morgen bekamen wir zu spüren, dass wir hier nicht alleine zugange sind: das Klimpern der Karabiner und Packen der Rucksäcke einiger Seilschaften weckte uns frühzeitig aus dem Schlaf am obersten Parkplatz über dem See. Das konnte ja was werden, wollen die alle zum Zervreilahorn? Somit fiel das Frühstück etwas kürzer wie gewohnt aus, um nicht in den bereits vorprogrammierten Stau zu geraten …

Wir radelten zügig bis ans hintere See-Ende, wo wir unsere Bikes doponierten. Ein landschaflich schöner Wanderweg führte hinauf Richtung Zervreilahorn. Doch dann gleich die nächste Ernüchterung: Mehrere Kletterer biwakierten etwas unterhalb des Horns und machten sich bald darauf hinauf zu den Einstiegen …

Wir wollten uns zunächst einmal an’s Horn rantasten und den klassichen Nordostgrat antesten. Am Einstieg angekommen, war die Überraschung nicht groß, wir waren hier nicht alleine unterwegs. Erstmal durchatmen und die Landschaft genießen … Das geduldige Warten nahm schließlich ein Ende und die ersten beiden (sehr schönen) Seillängen führten uns auf ein grasiges Plateau hinauf. Dann der nächste Schock: hier reihten sich bereits weitere Kletterer in die Schlange ein. Was wir nicht wussten: die ersten beiden Längen im 6. Grad können von links umgangen werden, um auf den leichteren Nordostgrat zu gelangen. 5 Seilschaften vor uns – ein absolutes NoGo, überholen ausgeschlossen …

Es blieb uns keine andere Wahl: wir mussten in die benachbarte „Medea“, von der wir schon viel gehört hatten, ausweichen. Dort warteten einige Passagen im Bereich 6b bis 6c auf uns, und der Blutdruck begann zu steigen … Über ein absteigendes Band erreichten wir den Einstieg der Tour. Der Blick nach oben: endlos lange, glatte Verschneidungen, die Hakenabstände so weit, dass Klettern, statt mogeln angesagt war. Die ersten Meter sind gleich richtig hart, die Griffe rar, dafür finden die Handflächen an einer runden Kante und die Füße an der glatten Wand Halt. Wer dies schafft, bekommt die Eintrittskarte für den Rest der Tour …

Das gleiche Spiel dann in der zweiten Seillänge: eine Hammer Verschneidung, in der konstant gespreizt und die linke Begrenzungskante in die Zange genommen werden darf. Die 3. Seillänge bietet schließlich technische Wand- bzw. Plattenkletterei vom Feinsten. Wir atmeten auf, die schwersten Längen lagen nun hinter uns. Danach tendieren die Schwierigkeiten über eine längere Strecke in Richtung Genusskletterei. Besonders schön ist hier die 5. Seillänge mit großzügigen Schuppen in der steilen Wand. Es folgte noch einmal eine kurze kräftige Passage, die dann wieder in eine griffige Verschneidung überleitet. Ein fotogener Links-Quergang auf einem schmalen Band führt schließlich zur Headwall, die anfangs einfach. aber schön, danach über einen klassischen Offwidth-Riss zum Ausstieg hinaufführt.

Geschafft! Hier befindet man sich auf einem schmalen, ausgesetzten Fels-Plateau mit grandiosen Tiefblick auf die Nordostkante. Die führende Seilschaft der Stau-Verursacher war immer noch nicht weiter, ein Glück, dass wir uns da nicht eingereiht haben … Besonders eindrucksvoll ist auch die abschließende Abseilfahrt entlang der rießigen, ebenmäßigen Headwall, über die einige namhafte, anspruchsvolle Routen führen.

Fazit: Der Fels am Zervreilahorn ist einfach genial! Der rotbraune, oft grobkörnige Granit bietet sehr viele schöne und abwechslungsreiche Klettermeter. Lange Verschneidungen, griffige Schuppen, Abspaltungen, Kanten und Risse in äußerst kompaktem Fels werden hier geboten. Man sollte sich vom angegebenen Schwierigkeitsgrad in der „Medea“ nicht abschrecken lassen, die Tour wird nach oben hin bis auf wenige Ausnahmen immer leichter. Die landschaftlichen Eindrücke mit dem tiefgelegenen Zervreilasee sind einmalig. Was die Schönheit der Kletterei betrifft, kann das Zervreilahorn mit den Routen am Furka- oder Grimselpass locker mithalten. Wenn man die verschiedenen Stimmen der Kletterer hört, kommt hier fast schon internationales Flair auf. Und zum Thema Nordostgrat: der frühe Vogel fängt den Wurm, um nicht im Stau zu stehen …

Schwierigkeit

Die Hauptschwierigkeiten liegen in der unteren Wandhälfte (6a bis 6c). Nach oben hin wird die Tour tendenziell leichter (5b bis 6b). Insgesamt 6b obligatorisch.

Absicherung

Die Medea ist zwar gut mit Bohrhaken ausgestattet, es ist aber immer wieder mit zwingenden Kletterpassagen zu rechnen. Hin und wieder können Friends zur zusätzlichen Absicherung gelegt werden.

Ausrüstung

60-Meter-Doppelseil, 12 Exen, Friends, Schlingen, Abseilausrüstung

Ausgangspunkt

Der oberste Parkplatz am Zervreilasee

Zustieg

Vom Parkplatz entlang des linken Seeufers und über die Brücke, anschließend ca. 500 m nach rechts bis zur Beschilderung auf der linken Wegseite. Bis hierher kann mit dem Bike gefahren werden. Man folgt dem Pfad Richtung Länta-Hütte, der zum Zerfreilahorn hinaufführt. Nach ca. ca 2/3 der Strecke verlässt man den Pfad nach rechts über ein Bachbett. Wegspuren und Steinmänner führen hinauf zum Wandfuß, wo der Baseclimb der Nordostkante beginnt. Zur Medea quert man den Wandfuß ca. 100 m nach links und erreicht über Grasflanken und leichte Kletterei den angeschriebenen Einstieg der Medea. Vom Parkplatz ca. 2 Stunden.

Abstieg

Mehrmaliges Abseilen über diverse Routen im Abstiegssinn rechts der Medea.

Topos

Kletterführer Schweiz Plaisir Ost klettern-shop.de

Webinfo

www.bergsucht.ch

www.filidor.ch

Alternativprogramm

a) Klettergarten Obsee über dem Zervreilasee (siehe Bericht)

b) Klettergarten Balmagütsch hoch über Vals gelegen (siehe Bericht)

c) Bike- oder Wandertour über den aussichtsreichen Höhenweg von Gadastatt zum Zervreilasee. Es kann kostenlos mit der Bergbahn bei Gadastatt hochgefahren werden.

b) Besuch des Thermalbads bei Vals

Bildgallerie

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