Normalweg auf den Campanile Basso

Normalweg auf den Campanile Basso

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Normalweg auf den Campanile Basso (2883 m)

Ein „Welträtsel aus Stein“, so hat Walter Pause die schlanke Felsnadel in der Brenta einmal beschrieben. Und in der Tat, man muß sich schon wundern, dass das Ding noch nicht in sich zusammengebrochen ist. Wer den legendären Klettersteig „Bocchette-Weg“ begeht, kommt zwangsläufig an dem 400-Meter-Koloss vorbei, wenn er nicht gerade im täglichen Brenta-Nebel steht. So wie es uns erging: morgens Klettern im T-Shirt, ab 11 Uhr in der Waschküche, nach dem Gipfel Abseilen im Hagel. Am nächsten Morgen dann wieder Bilderbuchwetter usw. So schnell geht das hier in der Gegend …

Meine erste Bekanntschaft mit der „Guglia di Brenta“, wie der Berg ursprünglich auch genannt wurde, war in der Fehrmann-Verschneidung. Schon damals wurden meine Nerven als bohrhaken-verwöhnter Plaisirkletterer auf die Probe gestellt. An den Ständen gelegentlich ein wackeliger Normalhaken, die Zwischensicherungen mussten selbst angebracht werden. So ist das im Zeitalter der mobilen Absicherung in den Dolomiten. Da wird nichts mehr dazugeschlagen, im Gegenteil: Ein Nachsteiger klopfte die Normalhaken aus der Wand, um sie in seinem osteuropäischen Heimat-Gebirge wieder in den Fels zu hämmern, wie ich es einmal selbst erlebte.

So entschieden wir uns diesesmal für den Normalweg „Ampferer“, dem Klassiker der Brenta schlechthin. Nachdem wir nach einer anstregenden Begehung des gesamten Bocchette-Wegs mit der Kletterausrüstung im Gepäck auf der Tosa-Hütte landeten, war dies unser Ausgangspunkt. Am nächsten Morgen also über den Klettersteig wieder zurück zum Einstieg unseres Tagesziels. Die ersten zwei Seillängen easy bis zur „Pooliwand“. Der Begriff „poliert“ liegt nahe und so fühlte sich die Seillänge auch an, aufgrund der zahllosen Begehungen. Im Führer mit 4+ angegeben, in den Nördlichen Kalkalpen locker mit 6- zu bewerten. Von der abenteuerlichen Absicherung ganz zu schweigen …

Der Weiterweg über Verschneidungen und Querungen hinauf zur „Stradone Provinciale“ machte dann wieder richtig Spaß. Hier wird auf einem gemütlichen Band der halbe Berg nach rechts umrundet, bis zum Beginn eines mächtigen Verschneidungssystems, den letzten 5 Seillängen auf den Gipfel. Anfangs richtig genüsslich, nach oben hin für einen Normalweg immer krasser. Die vorletzte Seillänge, eine gelbe Wand, die mit einer Dolomiten-5 (in Wirklichkeit 6) bewertet und mit museumsreifen fixem Material gesichert ist, verlangte nochmal vollen Einsatz. Der restliche Weg diente der Entspannung, auf dem Gipfel tibetanische Gebetsfahnen samt Glockenspiel und schnell Fertigmachen zum Abseilen. Ein Unglück kommt selten alleine, klar dass sich bei einsetzendem Hagel die Seile beim Abziehen verklemmten, also das ganze nochmal rauf … Wieder zurück auf der „Stradone Provinciale“, auf dem Ringband wird der gesamte mittlere Aufstieg anschließend rechts umgangen, und die Abseilpiste leitet schließlich punktgenau zurück zum Einstieg … Resümee: Eine der Pflichttouren in den Dolomiten. Allerdings erst nach einer mehrtägigen Eingewöhnungsphase, was die Absicherung und Bewertung betrifft …

Schwierigkeit

Die Dolomiten-Bewertung ist nicht mit der allgemeinen Bewertungsskala zu vergleichen. Hier ist die Zeit stehen geblieben. Grundsätzlich kann immer ein Grad dazu gerechnet werden. So ist z. B. die Schlüsselstelle in der vorletzten Seillänge statt 5 in Wirklichkeit mit 6 zu bewerten.

Absicherung

Im unteren und oberen Drittel der Route können die Abseilstände (große Ringe) als Standplätze verwendet werden.  Im mittleren Teil der Route befinden sich an den Standplätzen meist 1 – 2 Normalhaken unterschiedlicher Qualität. In der ganzen Route gibt es nur gelegentlich Zwischenhaken. Mit mobilen Sicherungsgeräten und Schlingen kann jedoch meist optimiert werden. In der „Pooli-Wand“ sowie in der Schlüsselseillänge unterm Gipfel ist jedoch mit Runouts zu rechnen, hier hilft nur eine gute Vorstiegsmoral weiter.

Material

12 Exen, Doppelseil, Abseilausrüstung, mittelgroße Friends, Schlingen

Das Dolomiten-Problem

Da die meisten Kletterer mittlerweile gut gesicherte Bohrhaken-Routen konsumieren, wird bei einem Dolomiten-Besuch die Vorstiegsmoral auf die Probe gestellt. Die alten Klassiker werden hier nicht saniert, es stecken nur rostige Normalhaken bzw. modrige Sanduhrschlingen. Die Folgen eines Sturzes sind unvorhersehbar. Dazu kommt die Bewertung, bei der jeweils ein Grad oder mehr dazu gerechnet werden kann. Deshalb empfehle ich dem Dolomiten-Neuling, sich zuerst ein paar Tage lang an den etwas anspruchsvolleren Routen-Charakter ranzutasten. Die kurzen Klettereien am Falzeregopass und an den Sellatürmen usw. sind dabei sehr hilfreich.

Übernachtung

Am besten auf der Tosa-Hütte, somit reduziert sich der Weg zum Einstieg auf eine Stunde. Die Hütten sind in der Brenta wegen der hohen Frequenz am „Bocchette Weg“ im Sommer meist hoffnungslos überfüllt, deshalb ist eine Voranmeldung ratsam. Der Weg führt von Madonna de Campiglio über eine Mautstraße zum Parkplatz ins Vallesinella. Von hier in zwei Stunden zur Brentei-Hütte und in weiteren zwei Stunden über die Bocca di Brenta (2552 m) zur Tosa-Hütte.

Zustieg

Von der Hütte zurück zur Bocca di Brenta. Nun rechts haltend Richtung Bocchette-Weg, der ca. 45 min. lang bis zu einer Scharte am Fuße des Campanile Basso begangen wird. Von hier ca. 50 m ausgesetzt horizontal nach links zum Einstieg auf einem Band.

Abstieg

Grundsätzlich sind sämtliche Abseilstellen mit großen Ringen ausgestattet. Vom Gipfel über die Aufstiegslinie zurück zur „Stradone Provinciale“ abseilen. Das bequeme Ringband wird nach rechts um den halben Berg herum bis zur nächsten Abseilstelle begangen. (Nicht über den mittleren querlaufenden Teil der Route abseilen!) Von hier geradeaus hinunter bis zum Einstieg abseilen.

Topo

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Weitere Topos

Kletterführer Dolomiten Vertikal, Band Süd, www.loboedition.de

 

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2 Gedanken zu “Normalweg auf den Campanile Basso

  1. Hallo Franco,

    vielen Dank für dein Feedback. Du hast natürlich recht: Absicherung, Ausgesetztheit und Brüchigkeit haben objektiv (fast) nichts mit den tatsächlichen Kletterschwierigkeiten zu tun.

    Aber die Pooliwand ist mittlerweile maßlos abgespekt und dadurch viel schwieriger geworden, als es vor Jahren noch der Fall war. Das gleiche gilt für die vorletzte Seillänge auf den Gipfel. Da hängen einige Schlingen in der Wand, an denen sich die Kletter hochziehen. Wenn die Passage leicht wäre, bräuchte es hier auch keine künstlichen Fortbewegungsmittel. Aber vielleicht kann man die Stelle ja auch leichter umgehen, so genau weiß ich das auch nicht mehr.

    Bedenke, dass die Dolomitenbewertung in den alten Routen immer noch traditionell angegeben wird und somit bei 6+ endet. Seit die Skala nach oben hin bis zum 12. Grad erweitert wurde, haben sich die Bewertungen relativiert und können deshalb nicht mehr mit der Dolomitenbewertung gleichgesetzt werden. So ist das im gesamten Alpenraum und sogar in Arco fallen die Bewertungen humaner als in den Dolomiten aus.

    Viele Grüße von Pat

  2. Du hast aber seltsame Ansichten über Schwierigkeitsbewertungen!!! Ich möchte dich daran erinnern, dass der Schwierigkeitsgrad eine Einschätzung der Kletterschwierigkeiten ist – und nicht der Absicherung , Ausgesetztheit, ja nicht einmal der Brüchigkeit. Es ist vernünfig, anfangs sich deutlich unter dem Schwierigkeitsgrad, den man in der Kletterhalle beherrscht, zu bewegen. Die eigene Erfahrung wird dann eine Einschätzung leicht machen. Übrigens gibt es Gebirgsgruppen in den Dolomiten, in denen Absicherung noch spärlicher vorhanden ist. In der Brenta ist das Legen von Keilen usw. übrigens nicht besonders schwer – und die Folgen eines Sturzes werden doch doch wieder eher absehbar. Vor dem Ernstfall kommt eben das Üben im harmlosen Gelände.

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