Salbitschijen-Westgrat

Salbitschijen-Westgrat

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Der Salbitschijen-Westgrat ist mit seinen 36 Seillängen und über 1200 Klettermetern ein der längsten Touren im Göschener Tal und weit darüber hinaus. Mein Seilpartner war Jürgen Vogt, der sich diese Unternehmung zu seinem 60. Geburtstag wünschte. Jürgen, Urgestein der Kletterszene in den 60er und 70er Jahren, war seinerzeit einer der fähigsten Freikletterer im deutschsprachigem Raum. „Den will net mal der Deifi holen“ sagten ihm die Freunde seiner Sektion Bayerland nach und er hatte sich seine 7 Leben genau eingeteilt: „abstürzen kann jeder A …“, wieder runterkommen musst du (Originalton Jürgen). Seine Tourenliste gleicht einem Streifzug durch die Alpingeschichte:

Eiger-Nordwand (101. Begehung), Walker-Pfeiler, Freney-Pfeiler (Zustieg über die Aiguille Blanche Nordwand) , Matterhorn-Nordwand (3 Biwaks im Wettersturz), Civetta Phillip-Flamm (5. Begehung), 2. Sellaturm-Messner (2. Begehung), Heiligkreuzkofel-Messner, Marmolada Aste-Führe (6 Haken auf 600 m, Rückzug nach Biwak im Schneesturm), Waxensteiner Turm Südwand Winterbegehung (Absturz mit einem Schneebrett, trotz Fersenbeinfraktur nach eisiger Nacht mit eigener Kraft ins Tal gekommen) Fleischbank-Südostwand und Schüsselkar-Südwand (beide solo), Leuchsturm Direkte Südwand (nach einem Sturz, Verlust eines Fingergliedes), Noshag (7450 m) und Chogolisa (7640 m) jeweils im Alleingang, mehr als 1000 Gleitschirmflüge, gewagter Flug vom Eiger (sein Partner hatte den Schirm wegen ungünstiger Bedingungen wieder hinuntergetragen) sowie zahlreiche Unfälle im Laufe seines Lebens. Dies ist nur ein kleiner Auszug seiner gewagten Unternehmungen …

Bei diesem Tourenprogramm konnte ich bei Weitem nicht mithalten und so war es mir eine Ehre mit Jürgen in den Salbit-Westgrat einzusteigen. Die Tour führt entlang einer zackigen Mega-Kante über 5 Türme hinauf bis zur Gipfelnadel des Salbitschijen. Ein ewiges Auf- und ab, immer wieder Abseilstellen und man gewinnt nur sehr langsam an Höhe. Doch das Ambiente und die Granitkletterei sind einmalig. Da gibt es anstrengende Offwidth-Risse, Verschneidungen und schwere Wandkletterei mal links bzw. rechts der Kante. Im oberen Drittel erreicht man mittels Pendelquergang einen rechts liegenden Riss, der zu einer A0-Bohrhakenleiter führt. Danach geht es sehr luftig entlang der Gratkante, die zur fotogenen Gipfelnadel führt. Deren Besteigung im 5. Grad gehört zum Pflichtprogramm jeder Salbit-Route.

Während der ganzen Tour bietet sich immer wieder der Blick hinüber zum klassischen Südgrat, wo die Seilschaften an den Ständen Schlange stehen. Jürgen, geplagt von den Folgen seiner Verletzungen, war mittlerweile nicht mehr so schnell wie früher, so war ein Biwak nach der 28. Seillänge unausweichlich. Die wilden Geschichten aus seinem Leben retteten uns jedoch durch die lange Nacht …

Die Begehung des Salbitschijen-Westgrats gehört zu den schönsten und eindrucksvollsten langen Granittouren in den Alpen. Etwas Vergleichbares in dieser Felsqualität zu finden ist wohl schwer. Bei stabilen Wetterlagen und lauen Sommernächten bietet sich ein geplantes Biwak auf einem der geräumigen Türme an. Für einen mehrtägigen Aufenthalt ist der schön gelegene Campingplatz bei der Göschener Alp zu empfehlen. Von hier aus können weitere Plaisir-Gebiete wie Sandbalm, Feldschijen oder Bergseeschijen besucht werden.

Schwierigkeit

Meist 4 bis 5, einige Seillängen 6. Maximal 6+ A0. (6 obligatorisch). Die Orientierung ist teilweise schwierig: links oder rechts des Grates?. Außerdem sind eine gute Vorstiegsmoral im 6. Grad sowie Ausdauer gefragt. Kletterzeit: 12 bis 14 Stunden.

Absicherung

In den schweren Seillängen befinden sich gelegentliche Bohrhaken und Muniringe an den Standplätzen. Dazwischen muss häufig mobil abgesichert werden. Der alpine Charakter wurde trotz einiger Bohrhaken beibehalten.

Material

Doppelseil, Schlingen, Keile, Friends, Abseilausrüstung, Biwaksack, bequeme Kletterschuhe, ausreichend Flüssigkeit.

Übernachtung

Auf der Biwakschachtel am Fuße des Westgrats (5 Minuten Zustieg). Es empfiehlt sich, wegen möglicher Überfüllung (max. ca. 8 Personen) bereits früh am Tag einen Lagerplatz zu sichern. Somit können in der verbleibenden Zeit die ersten beiden Seillängen für den nächsten Morgen mit Seilen für einen frühen Aufbruch (spätestens 6 Uhr) fixiert werden.

Zustieg

Von Göschenen mit dem PKW mehrere Kilometer hinauf zur Voralpkurve (1404 m). Von hier zur Alpe Horefelli. Nun nach rechts über einen steilen Pfad hinauf zur Biwakschachtel. Vom Parkplatz ca. 2,5 bis 3 Stunden. Die Biwakschachtel kann auch von der Salbit-Hütte in ca. 1,5 Stunden über einen Wanderweg mit sehenswerter Hängebrücke erreicht werden.

Abstieg

Vom Gipfel zunächst ca. 150 m dem Ostgrat folgend, dann nach Norden ins Abstiegs-Coloir (rot markiert). Hier nach rechts zur Hütte absteigen. (ca. 1,5 bis 2 Stunden)

Fluchtmöglichkeiten

In den Scharten von den Türmen 2/3, 3/4 und 4/5 nach Süden. Die Abseilstellen sind schlecht eingerichtet (Schlingenstände) und nur für den Notfall gedacht.

Biwak

Auf dem gesamten Westgrat befinden sich einige Biwakplätze, die mit Steinen eingegrenzt sind.

Talort

Göschenen nördlich von Andermatt. In wenigen Kilometern erreichbar von der Gotthard-Autobahn.

Topo

Schweiz Plaisir Ost, Filidor Verlag

 

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