Skitouren bei der Coaz-Hütte

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Bereits vor vielen Jahren hat der bekannte Alpenpublizist Walther Flaig die Berninagruppe als den „Festsaal“ der Alpen beschrieben, und dies nicht zu Unrecht: wer von Pontresina zum Morteratsch-Gletscher hinaufblickt, wird von den herabragenden Hängegletschern der Bellavista-Terrasse „schier erschlagen“. Eine Etage höher befindet sich die Diavolezza mit dem sagenhaften Blick auf die markanten Pfeiler des Piz Palü, einem der besten Alpen-Postkarten-Motive. Wie oft bin ich schon über den Julierpass gefahren und konnte es kaum erwarten, den legendären Biancograt am Piz Bernina, dem einzigen 4000er der Ostalpen, aus der Ferne zu bestaunen …

Diesesmal sollte es die Sella-Gruppe sein, die westlichen Ausläufer im langgezogenen Kamm zwischen Bernina- und Malojapass in der Gegend von St. Moritz. Die etwas tieferen Gipfel nagen lediglich an der 3500-Meter-Grenze und stehen deshalb etwas im Schatten ihrer berühmten Modenachbarn. Dafür eignen sich die Sella-Berge vorzüglich für einen mehrtägigen Skitourenaufenthalt mit Stützpunkt auf der phantastisch gelegenen Coaz Hütte. Der Vergleich mit einem Adlerhorst liegt nahe. Ziele gibt’s genügend, man sollte hier mit den Übernachtungen nicht sparen. Und mit genügend Kondition im Gepäck kann auch noch der benachbarte Piz Bernina über die Marco e Rosa-Hütte in Angriff genommen werden …

Anspruch
Die meisten der hier beschriebenen Ziele sind nicht wirklich schwierig und die Aufstiegszeit beträgt bis zu maximal 4 Stunden. Für manchen Skitourengeher kann jedoch die Höhenanpassung über 3000 m zum Problem werden.

Gletscher- und Spaltengefahr
Wenn man sich die Sommerbilder des Roseg- und Sellagletschers ansieht wird klar, dass es hier ein ganzes Meer unzähliger Gletscherspalten gibt. Deshalb ist es ratsam, die Routen nur bei ausreichender bis sehr guter Schneemenge zu betreten. Bei der Abfahrt von der „Sella“ erlebten wir, wie ein Skitourengeher in einer von ihm durchbrochenen Spalte hängengeblieben ist. Am Gipfelhang des „Dschimels“ standen wir überraschend vor einem großen Loch mitten im weiträumig verschneiten Gletscher-Gelände. Geringe Neuschneefälle decken bereits vorhandene Öffnungen oft nur schwach wieder zu und werden dadurch zu gemeinen Falle. Am sichersten ist es, immer entlang der Aufstiegsspur abzufahren. Ein früher Aufbruch ist ratsam, um gegen die Mittagszeit wieder zurück auf der Hütte zu sein. Danach weicht der Schnee spürbar auf und die Einbruchgefahr erhöht sich erheblich.

Beste Zeit
März bis April, so früh wie möglich, sobald die Coaz-Hütte geöffnet hat. Wir waren Mitte April unterwegs und es war ein schneearmer Winter in diesem Jahr. Einige Spalten waren an manchen Stellen nur mäßig überschneit und wir sind unerwartet über dünne Brücken gefahren, wie es sich ad hoc herausstellte.

Ausrüstung
In schneereichen Wintern sind die weiten Gletscherflächen relativ gefahrlos zu begehen. Bei geringer Schneemenge und fortgeschrittener Tages- bzw. Jahreszeit ist das Gehen am Seil dringend anzuraten. Generell sollte man zur allgemeinen Sicherheit die komplette Gletscherausrüstung mit dabei haben.

Orientierung
Da sich die Spalten-, Gletscher- und Schneesituation in der Gegend ständig ändert, habe ich auf detaillierte Aufstiegsbeschreibungen verzichtet. Die ungefähren Routen sind den Bildtopos zu entnehmen. In der Regel sind im Gebiet der Coaz-Hütte zur Skitourenzeit sämtliche Gipfel gut eingespurt. Eine genaue Landkarte sollte mit dabei sein. Bei aufkommendem Nebel oder Schneeschauern kann sich die Orientierung jedoch deutlich erschweren.

Die lohnendsten Skitourenziele im Bereich der Coaz-Hütte

Piz Sella (3511 m)
Der östlichste Gipfel im Sella-Kamm ist nur noch ein breiter Firnrücken, den man bis zum höchsten Punkt mit den Skiern besteigen kann. Die überdimensionalen Hänge bieten bei ausreichender Schneemenge endlos langen Abfahrts-Genuss. Bei unserer Besteigung führte die Spur im mittleren Bereich durch eine sehr fotogene Spaltenzone. Die direkte Abfahrt hinab ins Val Roseg ist aufgrund des starken Gletscherrückgangs nur noch bei großen Schneemengen realistisch. Über die Fourcla de la Sella (siehe Topo) erreicht man u. a. die Marco e Rosa-Hütte, die sich für eine Besteigung des Piz Bernina anbietet. Aufstiegszeit zum Piz Sella: ca. 4 Stunden.

Dschimels (3500 m)
Der etwas tiefer gelegene Gipfel kann ebenfalls ganz mit den Skiern betreten werden. Er liegt etwas rechts in unmittelbarer Nähe zum Piz Sella. Beide Skitourenziele können gut miteinander kombiniert werden. Aufstiegszeit von der Coaz Hütte ca. 4 Stunden.

La Sella (3584 m)
Wer die erste Bergfahrt mit der Corvatsch-Bahn nimmt, hat noch gute Chancen am Anreisetag den Gipfel zu besteigen. Von der Coaz-Hütte gewinnt man über mehrere Steilstufen rasch an Höhe und wenige Gletscherspalten sind im oberen Bereich bei ausreichender Schneemenge gut zu überwinden. Man erreicht ein Joch zwischen dem felsigen Gipfelpaar und lässt die Skier hier stehen. Die rechte Erhebung ist nun gut zu Fuß erreichbar. Über verschneites Felsgelände führt ein schmaler Grat relativ einfach zum höchsten Punkt. Bei Vereisung können Steigeisen hilfreich sein. Aufstiegszeit von der Coaz Hütte ca. 3 Stunden.

Piz Glüschaint (3594 m)
Der beherrschende Gipfel über dem Roseg-Gletscher, der bis Pontresina hinausleuchtet und dadurch seinem Namen „Leuchtende Spitze“ erhalten hat. Es handelt sich ein für die Gegend hochalpines Ziel, das Erfahrung im Begehen zerrissener Seracs erfordert. Da der Gletscher sein Aussehen rasch verändert, lässst sich keine allgemein gültige Route festlegen. Man gelangt durch das Gletscher-Labyrinth an die Ostseite des Bergs, wo die Skier deponiert werden. Eine kurze Firnflanke mit anschließender Kletterpassage auf einen Blockgrat führen zum Gipfel hinauf. Steigeisen können hilfreich sein. In der Wintersaison 21/22 wurde wegen eines Gletscherbruchs von der Besteigung abgeraten. Vor einer Begehung sollte man sich auf der Coaz-Hütte über die aktuellen Bedingungen informieren. Von der Hütte je nach Verhältnissen ca. 4 Stunden Aufsstiegszeit.

La Muongia (3421 m)
La Muongia (vom romanischen „Nonne“) ist ein markanter Felshöcker, der einer mächtigen Schneeschulter aufgesetzt ist. Es handelt sich um eine der kürzeren Skitouren im Bereich der Coaz-Hütte. Wer die erste Bergfahrt mit der Corvatsch-Bahn nimmt, hat gute Chancen den Berg noch am Anreisetag zu besteigen. Am Ende leitet kurzes und einfaches Felsgelände auf den Gipfel. Der Weg ist im unteren Bereich mit der linken Aufstiegsvariante zum Chapütschin identisch. Beide Ziele können auch gut miteinander kombiniert werden. Von der Coaz-Hütte ca. 3 Stunden Aufstiegszeit.

Il Chapütschin (3386 m)
Der „Kapuziner“ zählt sicher zu den beliebtesten Skitourenzielen im Bereich der Coaz-Hütte. Dies liegt an den verschiedenen Aufstiegsmöglichkeiten, aber auch am formschönen Gipfelaufbau, der bei guten Verhältnissen realtiv einfach zu bewältigen ist. Ein weiterer Grund ist die Abfahrtsmöglichkeit zurück ins Skibebiet der Corvatsch-Bahn, von dem die meisten Skitourengeher Gebrauch machen. Deshalb sollte man sich den Berg für den letzten Tourentag einplanen, um eine sehr eindrucksvolle und endlos lange Abfahrt hinab in’s Tal zu erleben. Die im Topo eingezeichnete linke Aufstiegsvariante ist landschaftlich um einiges schöner, als die rechte. Man steigt im oberen Bereich durch die breite Mulde zwischen „Muongia und Chapütschin“ hinauf, bis ein markanter Felsgrat erreicht wird. Mit den Skiern am Rucksack führt der Weg nun unschwierig entlang des Grats bis zu einer kleinen Kanzel (ca. 30 Minuten), hier wird die Westseite des Chapütschins sichtbar. Nun ein kurzes Stück bergab und entlang des Bergs zum Skidepot (ca. 15 Minuten). Von hier über den Westgrat unschwierig hinauf zum Gipfel (ca. 15 Minuten). Steigeisen sind anzuraten. Von der Coaz-Hütte ca. 3,5 Stunden Aufstiegszeit.

Ausgangspunkt
Surlej am Silvaplaner See westlich von St. Moritz. Es befindet sich ein geräumiger Parkplatz unterhalb der Corvatsch-Bahn. Das Auto kann zur Skitourenzeit mehrere Tage dort kostenfrei stehen gelassen werden.

Zugang zur Coaz-Hütte
Der traditionelle Zustieg erfolgt durch’s Roseg-Tal. Dieser ist mit 15 Kilometern jedoch sehr lang und zur Skitourensaison oft schon ausgeapert. Deshalb hat sich der Zustieg auch wegen der Kürze mithilfe der Corvatsch-Bahn immer mehr etabliert. Man fährt mit der Gondel bis zur Bergstation hoch. Nach wenigen Metern auf der Piste (hier befindet sich auf der linken Seite eine Hinweistafel) verlässt man das Skigebiet nach rechts und fährt entlang von Stangen zu einer Gratkante hinab. Hier erscheinen die ersten Fixseile an einer Felswand, die in eine große Schneeflanke hinabführen. Von hier immer rechtshaltend hinab bis die nächste Gratkante erreicht wird. Ein weiteres Fixseil führt von einer Scharte im felsigen Gelände endgültig ins Tourengelände hinein. Nun mit mehr oder weniger großen Höhenverlusten stets rechtshaltend und immer geradeaus weiter bis die bereits sichtbare Coaz-Hütte erreicht wird. Von der Bergstation ca. 1,5 Stunden. Es empfiehlt sich die erste Bahn zu nehmen, da sich die steilen Osthänge schnell erwärmen und für Lawinen anfällig sind. Außerdem kann somit am Anreisetag noch ein Gipfel bestiegen werden.

Rückweg in‘s Tal
Die Abfahrt durch’s 15 km lange Roseg-Tal ist meist flach und im Frühjahr ausgeapert. Deshalb empfiehlt es sich, am Abreisetag den „Chapütschin“ zu besteigen. Vom Skidepot führt eine phantastische Tourenabfahrt zurück ins Skigebiet. Man fährt immer rechtshaltend mit möglichst wenig Höhenverlust bis zum ersten See hinab, dem Lej Alv. Ein Stück weiter wird der Lej Sgrischus erreicht. Ab hier zuerst eben, später immer steiler hinauf zur Bergstation „Furtschellas“. Von hier stets rechtshaltend zurück zur Talstation der Corvatschbahn. Vom Chapütschin ca. 2 Stunden Abfahrtszeit. Viel Spaß!

Stützpunkt
Coaz-Hütte www.coaz.ch

Literatur
Skitourenführer Graubünden Süd www.sac-cas.ch

Webinfo
www.coaz.ch
www.bergwelten.com
www.stadler-markus.de
www.sac-cas.ch
www.strassnig.at
www.tourentipp.com
www.alpintouren.com
planetoutdoor.de

Bildgallerie

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2 Gedanken zu „Skitouren bei der Coaz-Hütte“

  1. Hallo Wolfgang, zu spät, die Bahn und die Hütte haben bereits geschlossen. Kann ich aber voll verstehen. Ich hätte keine Woche länger bleiben wollen. Die Spalten werden immer gefährlicher 🙁 Man siehts dem Gelände kaum an. Grüße von Pat

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