Wirklich oben bist du nie

Wirklich oben bist du nie

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„Die letzten Schritte bewältigen Oswald und ich Arm in Arm. Wir sind oben. Wir fallen uns um den Hals. Es ist zwölf Uhr mittags. Wir sind am Ziel unserer Wünsche, kurz unter dem Himmel.“ Das schrieb Reinhard Karl später in seinem Buch „Erlebnis Berg. Zeit zum Atmen“ über jenen Augenblick am 11. Mai 1978, als er zusammen mit dem Österreicher Oswald Oelz den 8848 Meter hohen Gipfel des Mount Everest erreichte. Die beiden gehörten zu einer von Wolfgang Nairz geleiteten österreichischen Expedition, drei Tage vorher sind Reinhold Messner und Peter Habeler ohne künstlichen Sauerstoff auf dem Everest gestanden. Reinhard Karl und Oswald Oelz benutzten Atemmasken. Reinhard war der erste Deutsche, der auf dem Dach der Welt stand.

Reinhard Karl wurde 1946 in Heidelberg geboren und begann mit 14 eine Lehre als Automechaniker, der „dreckigste und mieseste aller Traumjobs“, wie er später schrieb. Mit 17 machte er seine erste Klettertour, bald darauf stieg er durch die Comici an der Großen Zinne. Das Bergsteigen am Wochenende wurde zur Flucht vor dem ungeliebten Job. Am Montag Morgen band er seine Hände unter dem Auto liegend ans Auspuffrohr um seine Müdigkeit zu tarnen. Als Bergsteiger wurden seine Touren extremer: Reinhard durchstieg die Eiger-Nordwand, kletterte an den Granitwänden im Yosemite. 1977 eröffnete er mit Helmut Kiene am Fleischbank-Südostpfeiler im Wilden Kaiser die „Pumprisse“, die erste Kletterroute im siebten Schwierigkeitsgrad.

Bild vom Rheinhard Karl nach dem 2. Absatz

Reinhard hatte sich inzwischen auch einen Namen als Bergfotograf gemacht und wurde 1978 zu einer Everest-Expedition eingeladen. Sein bis dahin höchster Gipfel war der 4810 Meter hohe Mont Blanc gewesen. Jetzt bot sich ihm erstmals die Möglichkeit, sich an einem Achttausender zu versuchen, und dann gleich am höchsten aller Berge. „Für mich war die Chance am Anfang eins zu 1000, da hochzukommen“, schrieb Reinhard. „Ich war ja kein Expeditionsmitglied, und sollte nur Fotos machen“

Bei leichtem Schneetreiben und 35 Grad Kälte brachen Reinhard und Oswald vom Südsattel aus auf. Nach sechs Stunden erreichten die beiden den Gipfel. Zurück in Deutschland erhielt Reinhard das „Silberne Lorbeerblatt“, die höchste Auszeichnung der Bundesrepublik für Sportler. Beim anschließenden Bankett sagt Reinhard zum damaligen Innenminister Gerhart Baum: „Wissen Sie, wenn ich nicht Bergsteiger geworden wäre, wäre ich vielleicht Terrorist geworden.“ Typisch Reinhard, was Übertreibungen betraf.

1979 bestieg Reinhard mit dem Gasherbrum II seinen zweiten Achttausender. Dann riss seine Erfolgsserie. Er scheiterte am Cerro Torre in Patagonien, musste am Nanga Parbat aufgeben und auch der K 2 hielt ihn auf Distanz. Beim Versuch, den Cho Oyu über die Südwand zu besteigen, starb er am 19. Mai 1982 im Zelt auf 6700 Metern Höhe in einer Eislawine.

Bis heute genießen Reinhard Karls Schriften und Bilder Kultstatus – auch seine Worte über die Momente auf dem Dach der Welt: „Wir machen Gipfelfotos für das Familienalbum: Ich, der Gipfelsieger. Ich, der Übermensch. Ich, das atemlose Wesen. Ich, der Reinhard auf einem Schneehaufen. Langsam kommen mir die Kälte, der Wind und meine Erschöpfung zu Bewusstsein. Langsam kommt nach der Freude die Traurigkeit, ein Gefühl der Leere: Eine Utopie ist Wirklichkeit geworden. Ich ahne, dass auch der Everest nur ein Vorgipfel ist, den wirklichen Gipfel werde ich nie erreichen.“

Ortswechsel

Bei mir war es nicht der Everest, sondern der Gimpel-Vorbau in den Tannheimer Bergen, was mich zu diesem Zitat bewegte. Zusammen mit Zippo wagten wir uns 2006 in die ca. 150 m hohe steile Wand unterhalb des Gimpels und ließen in einer angedachten Linie mehrere Fixseile hängen. In den Herbstferien hatte ich eine Woche Zeit und die Tour wollte fertig werden. Nach einem frühen Wintereinbruch waren die Seile vereist, das Grigri und die Steigklemme versagten, so hangelte ich mich mit den bloßen Händen hinauf, fixierte mich, räumte die Tour aus und setzte einen Haken über den anderen.

Abends war ich alleine im Jugendraum der Tannheimer Hütte, die Mäuse hinter den Holzwänden leisteten mir Gesellschaft. Auf der Gitarre spielte ich „Here comes the sun“. Von wegen Here comes the Sun. In den nächsten Tagen war wieder leichter Schneefall angesagt, trotzdem machte ich mich wieder an die Arbeit. Unten hörte ich Stimmen aus dem Nebel: „Hey Pat, du bist ja verrückt! Wie wird die Route denn?“ „Schaut ganz gut aus“. Heute frage ich mich, woher ich all die Energie und Motivation hatte, alleine bei widrigen Verhältnissen mehrere Urlaubstage in einer verschneiten Wand zu verbringen. In Finale wäre es bestimmt wärmer gewesen.

Zum Wochenende hin brachte Zippo allerdings die Sonne wieder mit, die Wand taute schnell ab und wir stiegen in die nun fertig eingerichtete Route ein. Nicht, dass sie sonderlich schwer war, aber so etwas gab ab sofort nur einmal in den Tannheimern: 6 Seillängen bis zum oberen 6. Grad, eine Seillänge schöner wie die andere. Oben auf dem Grasband Jubel, doch die Euphorie hielt nicht lange an: Unsere Blicke schweiften wenig später hinüber zur gegenüberliegenden Zwerchwand und entdeckten dort eine neue Linie. Wirklich oben bist du nie. Es geht weiter …

Eine gelungene Klettertour lässt sich nicht erzwingen, das ist reine Glücksache, was die Wand hergibt. Die Route „Wirklich oben bist du nie“ am Gimpel-Vorbau ist da eine Ausnahme:  es sind die homogenen Schwierigkeiten, die Steilheit und die schwer anmutenden Passagen, die sich mit etwas Suchen immer wieder leicht auflösen. Versteckte Löcher, Leisten und Aufleger erlauben bei angemessener Absicherung lässiges Höhersteigen bis hin zum Flow, so fühlt sich „Plaisir“ an. Nach 10 Jahren haben sich mittlerweile 2 Wandbücher gefüllt und sogar die frühere Skirennläuferin Irene Epple, jetzige Frau des ehemaligen Finanzministers Theo Waigel hat sich schon zweimal in die Route begeben …

Topo Wirklich oben bist du nie

Schwierigkeit

Vier Seillängen bis zum 6. Grad. Zwei Seillängen 6+ (6 obligatorisch)

Absicherung

Perfekt mit Bohrhaken, die immer an den richtige Stelle stecken. Dazwischen ist Klettern angesagt.

Material

10 Exen, 55-Meter-Doppelseil, Helm, Abseilausrüstung, Keile und Friends können am Einstieg  bleiben.

Zustieg

Auf dem Wanderweg Richtung Rote Flüh bzw. Gimpel. Nach Erreichen des Gimpel-Vorbaus über ein Schuttkar rechts hinauf zum Einstieg. Von der Hütte ca. 30 min.

Abstieg

Vom Ausstieg über ein Grasband links hinab zu einem Fixseil, das zur Abeilpiste leitet. 3mal Abseilen

Topos

Klettern in den Tannheimer Bergen, Sofa-Verlag
Kletterführer Allgäu incl. Tannheimer Berge, Panico-Verlag

Stützpunkte

Gimpelhaus oder Tannheimer Hütte

Talort

Nessewängle im Tannheimer Tal (Tirol)

 

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