Es war ein sonniger Januartag mit Inversions-Wetterlage als Albert im T-Shirt die Quadrologie an der Kanzel kletterte und Peter von abgetauten Eisfällen in Ettal berichtete. Schlechte Aussichten für’s Eisklettern, dennoch begab ich mich in’s Tannheimer Tal, um den Albele-Fall zu erkunden. Das Thermometer zeigte morgens immerhin minus 10 Grad an und es war schon recht frisch als ich entlang des zugefrorenen Vilsalpsees taleinwärts wanderte. Es ist ein wahnsinns Ambiente hier im Schatten der steil aufragenden Tannheimer Gipfel unter dem Gaishorn und Rauhorn unterwegs zu sein. Mit Schlittschuhen wär’s noch eleganter gewesen.
Von der Vilsalpe führten Fußstapfen in den Wald hinein. Ich war hier noch nie, kannte mich nicht aus, und folgte dem Wegweiser mit der Aufschrift „Wasserfall“, der im Sommer die Touristen in den hintersten Talkessel lockt. Die Spuren wurden immer weniger, ich sank zunehmend in den verharschten Schnee ein. Doch plötzlich sah ich ihn, den Albele-Fall. Ein mächtiger, teils felsdurchsetzer Eispanzer hing am hintersten Ende der Sackgasse. Mit dem Fernglas studierte ich die Verhältnisse: links sprudelte das Wasser heraus, rechts war es eine durchgehend kletterbare Linie, trotz nicht allzu üppigem Eis im unteren Teil. Da musste doch etwas gehen …
Am nächsten Morgen hieß es früh aufstehen, um vor 8 Uhr die Schranke zwischen Tannheim und Vilsalpsee zu passieren. Man kommt erst ab 17 Uhr wieder aus dem Tal heraus, tagsüber geht da nichts, der Touristenstrom soll gelenkt werden. Die Zeit brauchen wir ohnehin, sagte ich zu Peter, mit dem ich nach längerer Stapferei am frühen Vormittag am Einstieg des Albele-Falls stand. Riesige überschneite Eisbrocken lagen am Wandfuß, sie schienen schon vor längerem abgegangen zu sein. Wir waren beeindruckt, es war fast schon beängstigend, wie das Eis teilweise in Kerzen von der mächtigen Wand hing. Doch es half nichts, wir wollten da hoch, ein Rückzug kam nicht in Frage …
In der ersten Seillänge ging es gleich richtig zur Sache, es war mit WI 4 die Eintrittskarte für den Rest der Tour. Sie führte über mehrere senkrechte Cascaden gutgriffig zu einer etwas flacheren, teils schneebedeckten schrägen Rampe hinauf. Danach wurde es wieder steiler, es folgte sehr homogene Kletterei im Schwierigkeitsgrad WI 2 bis 3. Der Eisfall ist immer wieder durch mehr oder weniger längere Aufschwünge geprägt. Das wechselnd gestufte Gelände varriert zwischen 65 und 85 Grad. Dazwischen gibt es immer wieder etwas flachere Passagen mit kompaktem Eis, richtig schön zu klettern.
Am Beginn steilerer Stufen kann auf abschüssigen Flanken einigermaßen gut Stand bezogen werden. Die Standplätze an Eisschrauben sind variabel. Der Eisfall hat eine Höhe von gut 200 Metern, am besten teilt man die Tour in 5 Seillängen mit durchschnittlich jeweils 45 Meter ein. Für die Abseilstellen müssen Abalakov-Eissanduhren eingerichtet werden. Mit einem 60-Meter-Doppelseil erreicht man nach 4-maligem Abseilen den Wandfuß wieder. Das Seil kann in der gesamten Tour hindernislos abgezogen werden.
Wie bei jedem Eisfall sind die Eisbeschaffenheit bzw. Steilheit und die daraus resultierenden Schwierigkeiten von der Kälte und sonstigen Witterungsbedingungen abhängig. Es ist beileibe keine „ideale Einsteigerroute“ so wie im Eiskletterführer beschrieben. Der Albele-Fall ist vielmehr eine abenteuerliche Unternehmung fernab des Mainstreams. Durch die nordseitige Ausrichtung liegt er im Januar und Februar ganztägig im Schatten. Es herrscht ein menschenleeres und stilles Ambiente im „Bergaicht“, dem hintersten Talkessel des Vilsalpsees. Es ist ratsam früh einzusteigen, um beim letzten Licht wieder am Parkplatz zu sein.
Wegen des relativ langen Zustiegs von gut einer Stunde wird der Eisfall weniger oft begangen, als die Modetouren im Tannheimer Tal. Man ist somit meist alleine unterwegs. Die Tour ist vom touristischen Vilsalpsee aus nicht einzusehen. Im Ernstfall besteht jedoch Handy-Empfang …
Schwierigkeit
1. Seillänge WI 4, 2. bis 5. Seillänge konstant WI 2 bis 3.
Absicherung
Die Tour muss vollstängig mit Eisschrauben abgesichert werden. Felshaken haben wir keine gesehen.
Ausrüstung
60-Meter-Doppelseil, komplette Eiskletterausrüstung, Stirnlampe für den Notfall.
Ausgangspunkt
Parkplatz am Vilsalpsee im Tannheimer Tal. Aus zeitlichen Gründen ist es ratsam, vor 8 Uhr morgens die Schranke am südlichen Ortsrand von Tannheim zu passieren. Danach ist es nicht mehr erlaubt mit dem PKW zum Vilsalpsee zu fahren. Ab 17 Uhr kann wieder zurück nach Tannheim gefahren werden. Für 5 Euro Gebühr öffnet sich die Schranke bei der Durchfahrt.
Zustieg
Vom Parkplatz geht man am rechten Uferweg des Vilsalpsees zur Vilsalpe. Von hier zeigt die Beschilderung „Wasserfall“ nach links in den Wald. Hinter den letzten Bäumen steigt man nach rechts in den Talgrund hinab und geht linkshaltend zum sichtbaren Eisfall hinauf. Bei geringer Schneemenge sind für den Zustieg keine Skier bzw. Schneeschuhe nötig. Ca. 1 bis 1,5 Stunden.
Abstieg
Man seilt 4mal über den Wasserfall ab. Für die Abseilstellen müssen jeweils Abalakov-Sanduhrschlingen gefädelt werden.
Literatur
Eiskletterführer Bregenz bis Garmisch tmms-shop.de
Webinfo
www.gipfelbuch.ch
www.gipfelbuch.ch
Bildgallerie


Aktuell hat es ausreichend Eis mit wechselnder Dicke. An den steileren Passagen ist es etwas dünner, in den flacheren Zonen besteht ein üppiger Eispanzer. Die Eisgeräte halten gut, es entstehen nur wenige herabfallende Scherben. Teilweise ist es Blankeis, es gibt aber auch gut strukturierte und sehr griffige Aufschwünge. An manchen Stellen hört man den darunterliegenden Bachlauf, was jedoch kein Problem ist. Der gesamte Eisteppich ist zusammenhängend stabil, sodass gefahrlos an Eisschrauben gesichert und geklettert werden kann. Das dürfte noch bis weit in den Februar hinein so bleiben. Es sind mehrere sichere Abakalov-Sanduhrschlingen entlang der Aufstiegs-Linie vorhanden. Das ist die Gelegenheit für eine stressfreie Begehung …