Der Wintertrip 2025/26 führte uns unter anderem nach Vingrau im äußersten Südwesten Frankreichs nahe der Pyrenäen. Das katalanische 500-Seelen-Dorf liegt am Fuße des gleichnamigen Massivs, das von markanten Pfeilern, plattigen Wänden und Canyons durchzogen wird. Bei den Urlaubsvorbereitungen war im Netz nur wenig Deutschsprachiges zu finden, dafür lockte Google mit eindrucksvollen Bildern und ein paar wenigen Topos von Vingrau.
Irgendwie hat mich dieses mächtige Klettergebiet optisch angezogen. „Kommt man da etwas hoch?“ fragte ich ein paar Allgäuer, die sich in Südfrankreich gut auskennen. Hm, soll eher alpin sein … gaben sie mir zu verstehen. Bohrhaken ja, aber eventuell mit größeren Abständen. Fragt sich nur wie weit, dachte ich mir. Zudem könnte es im Winter eher kühl da sein …
Meine Truppe sehnte sich nach gut gesicherten und sonnigen Mittelmeer-Felsen, aber Vingrau ließ mir bei den Recherchen trotzdem keine Ruhe. Kurzentschlossen bestellte ich den Kletterführer, 2 Tage später blätterte ich im Buch: verteilt auf 24 Sektoren gibt es 230 Routen, davon einige Mehrseillängen-Touren in den Schwierigkeitsgraden 4a bis 8a. Der Schwerpunkt liegt bei 5a bis 6b, darunter auch viele durchgehend geboltete Linien. Da musste doch was gehen …
Nach 12 Stunden langwieriger Fahrt durch die Provence erreichten wir das Kletterdorf Tautavel, dem Stützpunkt unserer Reise. Zum Jahreswechsel gab es sonnige, aber auch unbeständige Tage. Die nahegelegenen Pyrenäen-Berge waren bereits bis weit in die Täler hinab verschneit. Bei wolkigem Wetter umrundeten wir das wenig entfernte Vingrau-Massiv und kamen dabei an einer rustikalen Kletterhütte vorbei. Links oben die markante „Petit Dru“, einem der zahlreichen Sektoren entlang der kilometerlangen Felswand.
Wir tappten durch die Maccia weiter nach Vingrau hinab und erreichten beim letzten Licht den Parkplatz. Die kleine Ortschaft im Département Pyrénées Orientales wirkt im Winter wie ausgestorben. Da begegnen einem mehr Katzen als Menschen in den engen Gassen. Aber wer weiß, was sich hinter den geschlossenen Fensterläden verbirgt und wie es im Sommer dort aussieht …
Am nächsten sonnigen Tag wanderten wir zum Sektor „Plaisir Démodés“ hinauf. Und die Freude war groß: Fels vom Feinsten, der an’s Rätikon in den Alpen erinnert. Leicht geneigte wasserzerfressene Platten mit Löchern und Schlitzen, wir waren begeistert. Die Absicherung ist akzeptabel und die unteren Haken sind eng gebohrt. Viele der dicht nebeneinander liegenden Routen sind oft verschwenderische 30 Meter lang, ein regelrechter Kletterrausch im 5. bis 6. Grad, zumindest in diesem Sektor.
Im weiteren Verlauf des Urlaubs besuchten wir noch weitere Wandbereiche. Man findet immer wieder gut gesicherte Routen mit moderaten Schwierigkeiten, dazu ist die Bewertung oft human. Der Fels ist durchgehend kompakt, scharfkantig und richtig schön zu klettern. Wenig kraftraubend, dafür gut zu stehen ist hier alles … Neben den üblichen Sportkletter-Linien gibt es in manchen Sektoren auch längere Touren mit bis zu 5 Seillängen. Hier sind die Hakenabstände dann etwas weiter, können aber mit mobilen Sicherungsgeräten meist entschärft werden.
Beste Jahreszeit
Das gesamte Vingrau-Massiv liegt südwestseitig und wird ab Mittag von der Sonne beschienen. Im Winter kann es auch an sonnigen Tagen recht frisch werden. Das Frühjahr und der Herbst sind für Vingrau sicher die beste Option.
Zustiege
Die Zustiege sind im rechten Teil des Massivs mit ein paar Minuten relativ kurz und überschaubar. Für den linken, oberen Wandbereich läuft man bis zu einer Stunde. Die ausgetretenen Pfade sind überwiegend beschildert, in manchen Sektoren gibt es Hinweistafeln für den jeweiligen Sektor.
Abstiege
Bei den Sportkletterrouten muss zum Ablassen das Seil an den Umlenkungen durch Ringe gefädelt werden. Die Mehrseillängen-Touren sind zum Abseilen eingerichet.
Absicherung
Die Absicherung bei Vingrau reicht von alpin über ausreichend bis sehr gut mit Bohrhaken bestückt. In den Mehrseillängen-Routen sind die Hakenabstände etwas weiter und können mit Friends ergänzt werden.
Ausrüstung
In vielen Routen reichen ein 70-Meter-Sportkletterseil und 12 Exen. Für die längeren alpin-angehauchten Touren sind Friends anzuraten.
Ausgangspunkte
Parkplatz 1
Man fährt von Vingrau Richtung Opoul. Nach ca. 1 km parkt man bei einer Rechts-Kehre am linken Straßenrand. Dies ist der Ausgangspunkt für die meisten Kletterrouten von Vingrau. Beschilderte Pfade führen zu den einzelnen Sektoren hinauf.
Parkplatz 2
Ca. 500 m weiter zweigt eine Sackstraße rechts ab. Hier befindet sich der Parkplatz für die Sektoren im rechten Wandbereich von Vingrau. Diverse Pfade führen zur Wand hinauf.
Sektor Jardin des Tropiques
In dem beliebten Sektor gibt es ca. 30 Routen im Schwierigkeitsgrad 5a bis 7a. Im rechten Wandbereich sind es viele Linien im 5. bis 6. Grad, links davon 6a aufwärts. Es gibt kurze und lange Routen bis 30 Meter, die gut mit Bohrhaken abgesichert sind. Die Kletterei bewegt sich oft auf leicht geneigten Platten mit Dellen, Leisten und Kanten, es sind aber auch einige Risse und Verschneidungen mit dabei. Der Sektor ist vor allem für Kletterer in den unteren bis mittleren Schwierigkeitsgraden geeignet. Ausgangspunkt ist der Parkplatz 2. Man läuft ca. 50 Meter die Teerstraße hinab, bis rechts ein Pfad abzweigt. Es führt ein Weg durch das Gebüsch und später linkshaltend zum beschilderten Sektor hinauf. Ca. 15 Minuten Zustiegszeit.
Sektor Plaisirs démodés
25 Routen im Schwierigkeitsgrad 4c bis 6c sind Programm. Der Sektor zieht zahlreiche Kletterer in den mittleren Schwierigkeitsgraden an. Die humane Bewertung und gute Absicherung mit geklebten Ringhaken tragen dazu bei. Das Routennetz ist auf mehreren gut strukturierten plattigen Aufschwüngen sehr dicht und die Länge beträgt oft bis zu 30 Metern. Trotz der vielen Begehungen ist der Fels kaum abgespeckt. Hier kann man den ganzen Tag mit schönen Routen und perfektem Kalk verbringen. Man geht vom Parkplatz 1 den Wanderweg hinauf und zweigt beim Schild „Plaisirs démodés“ nach rechts ab. Zum Schluss etwas schottrig, erreicht man nach 30 Minuten den beschilderten Sektor.
Sektor Les Carcassonnais
Hier gibt es ca. 14 lange Routen mit bis zu 5 Seillängen im Schwierigkeitsgrad 5a bis 7a. Der Schwerpunkt liegt bei 5b bis 6b. Davon sind 2 Routen durchgehend geboltet. Der Rest hat alpinen Charakter und kann mobil nachgesichert werden. Wir kletterten die Route „Les Carcassonnais“, dem Klassiker in diesem Sektor. Es handelt sich um eine sehr schöne 3-Seillängen-Tour im 5. bis 6. Grad. Der Fels ist sehr kompakt und mit Platten, Löchern und Schlitzen gut strukturiert. Am Ende steht man auf dem Gipfelkamm des Massivs. Die Route ist insgesamt ausreichend bis gut mit Bohrhaken gesichert. An manchen Passagen können zusätzlich Friends gelegt werden. Mit einem 70-Meter-Seil kann man die über die Tour wieder abseilen. 10 Exen genügen. Trotz zahlreicher Begehungen ist die Linie noch kaum abgespeckt. Man steigt vom Sektor „Plaisirs démodés“ linkshaltend hinauf und gelangt in eine Scharte am Fuße einer langen Kante. Hier kurz absteigen und rechts hinauf zum Wandfuß des Sektors. Nach ca. 50 m gelangt man zum Einstieg. Vom Sektor „Plaisirs démodés“ ca. 15 Minuten.
Literatur
Kletterführer Vingrau www.kletterfuehrer.net
Webinfo
www.prehistoroc.fr
www.thecrag.com
www.outdooractive.com
Bildgallerie




