„Just for Fun“ an der Kanzel am Oberjoch Pass

„Just for Fun“ an der Kanzel am Oberjoch Pass

4.5
(2)

Vor 30 Jahren gab es überhalb der Oberjochpass-Straße noch den alten Klettergarten „Kanzel“. Die Felsen waren beliebt und der Tiefblick ins tiefergelegene Ostrachtal fotogen. Leider fiel das Gebiet irgendwann der Verkehrssicherheit zum Opfer, da sich das Massiv immer mehr talwärts Richtung Straße hinab bewegte. Letztendlich wurde der Klettergarten weggesprengt und in einen unschönen steinbruch-ähnlichen Felsabbruch verwandelt.

2018 legte hier das Hindelanger Bergführerbüro am linken Rand den Ostrachtaler Klettersteig an. Bei einer Begehung bekam ich Einblicke in den rechten Wandbereich: auf den ersten Blick alles ziemlich chaotisch, die Wand ist stufenförmig mit Terassen durchzogen, wo früher die Sprengmeister aktiv waren. Ob man hier eine Kletterroute einrichten kann? Der Gedanke lies mich nicht mehr los und ich begab mich kurze Zeit danach auf die einzelnen Terassen, um die Wandabschnitte zu erkunden. Dabei begegneten mir viel Geröll auf den Bändern und wechselnde Felsqualität an den Aufschwüngen. Mit viel Kreativität und Phantasie, lässt sich da vielleicht was machen, dachte ich mir. Grundstückseigentümer, Straßenbaumt und Bergschulen gaben mir schließlich grünes Licht, so war das Projekt nicht mehr aufzuhalten …

Mit Arne Schwiertering bastelte ich bald darauf die kompaktesten Wandbereiche zu einer kletterbaren Linie zusammen. Es war uns dabei wichtig, dass eine Route mit möglichst homogenen Schwierigkeiten entsteht. Die Tour verläuft tendenziell von links nach rechts, um den Sichernden bzw. nachfolgende Seilschaften vor Steinschlag zu schützen. Die Standplätze planten wir auf den Bändern ein, wo sich horizontale Drahtseile zur Sicherung befinden. Trotz des vielen Bruchs, der sich in dieser unüberschaubaren Wand befindet, gelang es uns einen vertretbaren Weg zu finden. In den 5 Seillängen sind nun nur wenige brüchige Meter vorhanden, die behutsames Klettern erfordern. Der Rest ist weitgehend kompakt. Wir entfernten aus der Wand und von den Bändern loses Gestein, sodass nun relativ gefahrlos in die Tour eingestiegen werden kann.

Marion meinte nach der 2. Begehung: Auf die Idee muss man erstmal kommen … Es ist in der Tat ein Ambiente, bei dem so mancher Erstbegeher einen weiten Bogen herum macht. Aber es war jedoch nur eine Frage der Zeit, bis hier jemand die Intitiative ergriff. Bei der Namensgebung schwankten wir zwischen Kiesgrubentango, Feierabendspaziergang, Terassenwanderung usw. Aber Marion hatte wie (fast) immer recht: wir klettern die Tour „Just for Fun“. Mit einer Zustiegszeit von schlappen 20 Minuten ist dies wohl die schnellst erreichbare Mehrseillängen-Tour im Oberallgäu. Ich bin schon jetzt gespannt, was sich da alles abspielen wird. Arne hat bereits die erste Turnschuh-Begehung absolviert, und Daniel träumt schon von einer Vollmond-Besteigung …

Vielen Dank an die IG-Klettern-Allgäu, allen voran Kristian Rath, der mich mit den nötigen Klebehaken versorgte!

Schwierigkeit

Meist 4 bis 5. Die 3. Seillänge hebt sich mit zwei kurzen Stellen im 6. Grad deutlich vom Rest der Tour ab. Es ließ sich leider nicht vermeiden. Insgesamt 5+ obligatorisch.

Absicherung

Perfekt mit Klebehaken, gelegentlich Schwerlastanker. Der Stand kann in der Regel an den Drahtseilen auf den Bändern bezogen werden.

Ausrüstung

Einfachseil, 14 Exen. Schlingen zur Verlängerung in der 3. Seillänge. Ganz wichtig: Helm

Details

Seillänge 1

Gestufte und kompakte Plattenkletterei, ca. 25 m, Schwierigkeitsgrad 4 bis 5.

Seillänge 2

Gestufte und kompakte Plattenkletterei, ca. 25 m, Schwierigkeitsgrad 4 bis 5.

Seillänge 3

Anfangs leicht gestufte Plattenkletterei im 5. Grad. Danach Übergang in eine kurze brüchige Zone, ca. 2 bis 3 Meter im Schwierigkeitsgrad 6-, bescheidene Griffe und Tritte, aber gut gesichert. Es folgt ein großgriffiger Quergang nach rechts zu einem Pfeiler. Hier kann ein Zwischenstand bezogen werden, um Seilzug zu vermeiden. Sonst wenige Meter geradeaus empor bis aufs Band. Am Ausstieg die Crux der Tour: eine kurze Stelle im 6. Grad. Um Seilzug zu vermeiden, sollten die Haken am Quergang und Pfeiler mit Schlingen verlängert, oder darunterliegende Exen wieder ausgehängt werden. Ca. 30 Meter. Insgesamt 6 bzw. 5+ A-Null.

Seillänge 4

Am Stand etwas nach links. Darüber gestufte und kompakte Plattenkletterei, ca. 20 m, Schwierigkeitsgrad 4 bis 5.

Seillänge 5

Auf dem Band ca. 5 Meter nach rechts. Über eine kompakte Platte gelangt man rechtshaltend zu einem kleinen Überhang mit großen Griffen. Hier geradeaus empor durch einen Riss. Danach diagonal nach links über eine langgezogene Platte zum Ausstieg mit Fixseil. Ca. 30 Meter, Schwierigkeitsgrad 5+. Stand in der Wiese.

Ausgangspunkt

Parkplatz P 1 am Kreisverkehr in Oberjoch

Zustieg

Vom Parkplatz P 1 zu Fuß die Straße hinab zum Aussichtspunkt Kanzel-Hütte. Hier entlang der Beschilderung zum Ostrachtaler Klettersteig. Hinter dem Steinschlag-Gitter nach rechts entlang des Wandfußes zum Einstieg. Vom Parkplatz ca. 20 min.

Abstieg

Vom Ausstieg der Route wenige Meter ansteigen. Man gelangt zu einem schwach ausgetretenen Pfad, der nach rechts über Serpentinen hinabführt. Weiter unten bitte nicht durch den Holzverschlag und über die Viehweide absteigen. Vor dem Holzverschlag hält man sich nach rechts, wo nach wenigen Metern ein weiterer Pfad nach links durch die Botanik hinabführt. Unten nach links zurück zum Ausgangspunkt. Ca. 20 Minuten.

Ganz wichtig!

Auf den oberen beiden Terassen werden regelmäßig Klettersteig-Kurse von Bergschulen durchgeführt. Deshalb muss in den oberen 2 Seillängen dringend auf Steinschlag geachtet werden!

Am Fuße des Massivs befindet sich die Oberjochpass-Straße. Obwohl sich darüber 2 seperate Steinschlag-Gitter und dazwischen ein Grüngürtel befinden, ist in der ganzen Tour dringend auf Steinschlag achten!

Auf manchen Terassen befinden sich abseits der Route Mess-Stationen zur Überprüfung der Felsbewegungen. Hier bitte nichts berühren!

Beim Abstieg im unteren Bereich nicht durch einen Holzverschlag gehen und über die Viehweide absteigen. Immer rechts des vertikalen Zauns über einen Pfad absteigen. Dies wurde mit dem Grundstückseigentümer vereinbart.

Außerdem keine weiteren Routen erschließen! Es darf hier kein Rummelplatz entstehen, sonst droht uns die komplette Sperrung der Kanzel!

Bildgallerie

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3 Gedanken zu “„Just for Fun“ an der Kanzel am Oberjoch Pass

  1. Die Tour hat echt Spaß gemacht. Es ist eine gute Feierabendtour und für erste Klettererfahrungen in alpinem Gelände gut geeignet. Die dritte Seillänge sollte wie beschrieben gut verlängert werden. Wir kommen gern wieder 🙂

  2. Heute mit dem Pat höchstpersönlich diese Route zum Feierabend geklettert.

    RESPEKT . . . . ZAUBEREI…..in dieser Wand eine so schöne Route zu kreieren!!

    Doch, wirklich, es hat voll Spass gemacht!!

    Die plaisirmässige Absicherung macht es gefahrlos möglich, auch mal weniger feste Felspassagen zu durchklettern.

    DANKE

  3. Kann Ich nur bestätigen. Die Tour ist das Klettern wert und wer sich vorher denkt „Oh Gott, wie sieht das denn aus..“ wird am Ausstieg denken „Ok, das war doch gar nicht so schlecht. Das war die Kletterei auf jeden fall wert..“ Gute Anfänger oder Feierabendtour!

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