Kellenspitze Baseclimbs

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Während die Tannheimer Südseite bei den Kletterern heiß begehrt ist, geht es an deren Nordabbrüchen deutlich ruhiger zu. Es gibt da viel weniger gängige Routen, zudem betragen die Wandhöhen bis zu 700 Metern. Wer hier klettert, sollte eine solide Alpine Grunderfahrung mitbringen. Die Orientierung ist nicht immer ganz einfach und die Absicherung verlangt zuweilen eine gute Vorstiegsmoral.

Der einstige Tannheimer Hausmeister Toni Freudig hat Mitte der 1990er-Jahre insbesondere an der Kellenspitze-Nordseite das Potential für Neutouren entdeckt. Dabei gelangen ihm einige Erstbegehungen, allen voran die „Linie 95“ und das „Gotische Fenster“. Die 14-Seillängen-Routen wurden damals zwar bereits mit Bohrhaken abgesichert, dennoch ist immer wieder mit längeren Runouts im 5. bis 6. Grad zu rechnen.

In seiner Funktion als Bergführer machte sich Freudig nicht ganz unbeabsichtigt aber auch auf die Suche nach leichterem Klettergelände. Mit geschultem Blick fand er rechts des Gotischen Fensters leicht geneigte Plattenfluchten, die sich für Baseclimbs eigneten. Dabei entstanden 3 Routen in den unteren Graden mit einer Länge von bis zu 4 Seillängen – heutzutage nennt sich so etwas „Vorstiegs-Parcour“. Freudig war der Zeit schon immer voraus …

In der Allgäu-Tannheimer Kletterliteratur wurden diese Linien allerdings meist stiefmütterlich behandelt – insofern hielt sich die Anzahl der Begehungen in Grenzen. Genauere Info’s und Topos gibt‘s lediglich im legendären, aber mittlerweile fast vergriffenen, DIN-A4-Geheft „Klettern im Herzen der Tannheimer Berge“ von Toni Freudig.

Das Besondere an diesem Kletterführer: Reißfeste, gelochte Topos können herausgenommen und mit dem Karabiner an den Gurt gehängt werden. Freudig hat akribisch recherchiert, deshalb ist der Inhalt auch historisch interessant: hier werden neben den moderneren Routen auch sämtliche klassische Linien aus der Gründerzeit, auch wenn sie lediglich nur wenige Begehungen aufweisen, beschrieben. Ein paar Restexemplare sind bei lukas.freudig@web.de erhältlich.

Doch zurück zu den Baseclimbs. Im Hitze-Sommer 2026 wollten ich die Routen einmal antesten und die Überraschung war groß: zwar nicht wirklich schwer, aber wir kletterten auf phantastisch rauem Fels, wasserzerfressen vom Feinsten. Dazwischen gab’s immer wieder kompakte Platten oder gelegentlich steile Aufschwünge mit ausgeprägten Wasserrillen. Lediglich die weiten Hakenabstände sorgten zuweilen für Vorstiegs- bzw. Orientierungs-Probleme. Und bei der Freudig-Bewertung konnte man locker einen Schwierigkeitsgrad dazugeben …

Wir fanden die Kletterei recht lohnend, was mich dazu veranlasste die Routen auf den neuesten Stand zu bringen. Mit verschiedenen Kletterkollegen ersetzte ich die alten, in die Jahre gekommenen Haken durch rostfreies Material. Wir entschärften gefährliche Runouts, setzten richtungsweisene Haken und optimierten die Linien. Die Stände sind nun mit Ketten ausgestattet. Aufgrund der wenigen Begehungen war der Fels nicht immer abgeklettert, somit befreiten wir manche Passagen von lockeren Steinen.

Das Ergebnis sind nun 3 schöne Routen in den unteren Schwierigkeitsgraden 4 bis 5. Wir haben die Linien plaisirmäßig abgesichert, so dass nun auch weniger geübte Seilschaften einsteigen können. Gerade für Kletterkurse sind die Baseclimbs ein geeignetes Terrain. In den insgesamt fast 10 Seillängen kann man hier inclusive Abseilerei locker einen ganzen Klettertag verbringen.

Vor allem an heißen Sommertagen ist es an der Kellenspitze-Nordseite angenehm im Schatten zu klettern. Der Schotterweg durch’s Reintal ist in einer halben Stunde gut mit dem E-Bike zu bewältigen, danach sind es nur noch 15 Gehminuten bis zum Einstieg. Wer in der Gegend übernachten möchte, hat insgesamt 4 Hütten auf engstem Raum zur Auswahl, siehe Webinfo. In einer guten halben Stunde erreicht man die Einstiege relativ gemütlich.

Routenangebot

Lombardstreet (4 bis 5)
Mit 4 Seillängen ist es die längste Tour an den Baseclimbs. Glatte Fluchten, diagonale Quergänge, markante Wasserrillen und kleine Pfeiler sind hervorzuheben. In der letzten Seillänge befindet sich eine kompakte Platte, die vielleicht schönste Kletterpassage an der Wand. Die Linie endet bei einer Latsche, wo sich das Wandbuch befindet. Man seilt zuerst geradeaus, später über den Musauer Highway hinab.

Musauer Highway (5)
In der Summe die vielleicht schwerste Route an der Wand. Nach 3 Seillängen mündet sie in die Lombardstreet. Zuerst sind es glatte Platten, später megaraue leicht geneigte Wände und Steilstufen. Abseilen über die Tour.

Panamericana (4 bis 5)
Mit 2 Seillängen ist es die kürzeste Linie im Sektor. Langgezogene, superraue Wandfluchten sind Programm. Abseilen über die Route.

Absicherung
Sämtliche Routen sind perfekt mit Bohrhaken abgesichert. An den Ständen befinden sich Ketten für’s Abseilen

Ausrüstung
50-Meter-Doppelseil, 12 Exen

Ausgangspunkt
Gasthof Bärenfalle, direkt an der Straße zwischen Reutte und Musau. Hier fährt man auf dem Schotterweg noch ca. 400 Meter weiter bis zum Parkplatz Musauer Alm.

Zustieg
Vom Parkplatz mit dem E-Bike 6 Km bzw. 30 Minuten Richtung Otto-Mayer-Hütte hinauf. Bevor der Schotterweg in den Wald führt, geht man nach links zu einem Bach hinab und stellt das Rad ab. Hier beginnt der Weg zur Nesselwängler Scharte. Man steigt über den Bach und folgt dem Weg ca. 15 Minuten bis zu einem Steinmann. Pfadspuren führen nach links zu den Baseclimbs. Vom Parkplatz ca. 45 Minuten.

Abstieg
Abseilen über die Routen

Literatur
Kletterführer Allgäu incl. Tannheimer Tal www.panico.de

Webinfo
Otto-Mayer-Hütte www.ottomayrhuette.com
Füssener Hütte www.fuessener-huette.at
Willy-Merkl-Gedächtnis-Hütte www.alpenverein-friedberg.de
Musauer Alm www.musauersennalp.at

Bildgallerie

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