Der „Spiralriss“ am Östlichen Wengenkopf

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Es war einer dieser unerträglich heißen Juli-Tage, bei denen man sich wünscht, in minutenschnelle auf eine Höhe von 2000 Metern katapultiert zu werden. Am Parkplatz der Oberstdorfer Nebelhorn-Bahn kam bereits am frühen Vormittag dieses schleichende Gefühl von sauna-ähnlichem Hitze-Stress auf. Ohne Reue legten wir jeweils 40 Euro auf den Kassen-Tisch, um wenige Minuten später auf einer Höhe von 2000 Metern bei einem angenehm frischen Lüftchen inmitten des besten Allgäuer-Alpen-Panoramas zu stehen.

Unser heutiges Ziel war der Östliche Wengenkopf, eine der zahlreichen Graterhebungen am vielbegangenen Hindelanger Klettersteig. Von der Station „Höfatsblick“ ging es gesäumt von den ersten Wanderern zum Koblat hinauf und wir stiegen jenseits zum bereits sichtbaren Wengenkopf hinab. Mit dem Wandbild des Kletterführers verglichen war der Einstieg schnell ausgemacht und über eine Geröllhalde erreicht.

Bereits 1944 hat hier die Allgäuer Seilschaft Tröndle/Amling einen kletterbaren Weg durch die steil abfallende, vielleicht 150 Meter hohe Südostwand gefunden. Im unteren Drittel mussten sie durch eine gewundene Kaminverschneidung klettern, die sie später „Spiralriss“ nannten. Es ist schon fast 40 Jahre her, als ich hier zugange war und meine Erinnerungen sind inzwischen vollkommen verblasst. Mittlerweile ist die Tour mit Klebehaken sanft saniert.

Der Allgäu-Fels hat ja bekannterweise nicht den allerbesten Ruf. Umso mehr war die Überraschung groß, als wir die ersten Seillängen hinter uns brachten: steile Wandkletterei an großgriffigem, kompaktem Hauptdolomit mit Tendenz zum Genuss. Dann der eigentliche Spiralriss: athletische Spreizarbeit, für den im Topo angegebenen 5. Grad gar nicht so leicht. Die traditionelle Alpin-Bewertung hat sich in den verschiedenen Führer-Auflagen hartnäckig gehalten.

Gleich darauf machte eine leicht geneigte, gut strukturierte Platte dann wieder richtig Laune und steilte sich gegen Ende wieder großgriffig auf. Die bis hierher schöne Kletterei wurde nun durch eine allgäu-typische Schrofen-Länge unterbrochen, was das Gesamterlebnis jedoch kaum beeinträchtigte. Und die Tour war ja noch nicht zu Ende. Zuletzt kletterten wir wieder über eine längere Strecke durch megaraue Felszacken dem exponierten Gipfel entgegen …

Willkommen in der Zivilisation, der Hindelanger Klettersteig ist trotz seiner Länge von 5 Kilometern gut besucht. An manchen Engpässen bilden sich trauben-ähnliche Zustände auf der beliebten Ferrata. Über Drahtseile mit viel Gegenverkehr und eine lange Eisenleiter gingen wir in eine Scharte und schließlich über Geröll wieder zum Einstieg hinab. Der Rucksack musste zu Beginn besser hierbleiben, im Spiralriss würde er zum unangenehmen Hindernis …

Der Östliche Wengenkopf ist völlig entlegen, da braucht es schon viel Enthusiasmus, um mehrere Stunden per Bike & Hike durch’s Hintersteiner Tal an den Berg zu gelangen. Mit Bahnunterstützung ist es allerdings ein angenehmes Halbtagesziel diesen gut abgekletterten Allgäu-Klassiker zu begehen. Trotz der Kürze von 6 Seillängen ist die Tour im Gesamten sehr lohnend und während der schönen Kletterei begleitet einen die permanente Aussicht auf die Allgäuer Bergwelt.

Schwierigkeit
Überwiegend 4 bis 5, maximal 6-, gelegentlich leichter (5 obligatorisch)

Absicherung
Die Route ist ausreichend mit Klebehaken abgesichert, dazwischen befinden sich einige alte Schlaghaken. Gelegentlich können zusätzlich Keile oder Friends gelegt werden.

Ausrüstung
50-Meter-Einfachseil, 8 Exen, evtl. Keile und Friends

Ausgangspunkt
Parkplatz Nebelhornbahn bei Oberstdorf

Zustieg
Man fährt mit der Bahn zur Station „Höfatsblick“ hinauf. Von hier führt ein Wanderpfad nach rechts über’s Koblat Richtung Großer Daumen hinüber. Nach ca. 45 Minuten gelangt man unter den Östlichen Wengenkopf und steigt in wenigen Minuten weglos zum Einstieg links eines Kamins hinauf.

Abstieg
Auf dem exponierten Gipfel des Östlichen Wengenkopfes kurz nach rechts, anschließend linkshaltend über den Hindelanger Klettersteig hinab. Von der Scharte geht es nach links zum Rucksackdepot am Einstieg zurück. Vom Gipfel ca. 15 Minuten.

Literatur
Kletterführer Allgäuer Alpen www.panico.de

Webinfo
festivaltour.de
www.outdooractive.com

Bildgallerie

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