Die mächtige Nordwand der Kellenspitze in den Tannheimer Bergen ist im Hochsommer ein beliebtes Ziel der alpin-ambitionierten Kletterer. Es gibt hier nur wenige gängige Routen, deshalb werden lediglich die „Linie 95“ und das „Gotische Fenster“ öfters wiederholt. Nach 14 Seillängen seilt man seitlich davon ab und quert zum „Sohlerstein“ am Wanderweg zur Nesselwängler Scharte hinüber. Namensgebend ist dies ein kleines Felsplateau mit einer Gedenktafel für Dr. Karl Sohler, der 1956 an den darüberliegenden „Löwenzähnen“ abgestürzt ist.
Nach den Abseil-Aktionen sind mir in dieser ruhigen Ecke des Raintals schon immer die unerforschten Klettermöglichkeiten aufgefallen. Alles ziemlich unübersichtlich, ohne klare Linien, dennoch war ein markanter, gut 100 Meter hoher Abbruch an den Ausläufern der Kellenspitze nicht zu übersehen. Steiler kompakter Fels inclusive Platten, Pfeiler und Verschneidungen sollten sich für ein einige Linien eignen.
Mit ein paar motivierten Helfern gelang es mir dort einige Baseclimbs einzurichten. Es sind dabei zwei sehr schöne Mehrseillängen-Routen entstanden, die das Prädikat „Plaisir“ verdienen. Grund dafür sind die moderaten Schwierigkeiten und abwechslungsreiche Kletterpassagen, die ich durchgehend mit Bohrhaken abgesichert habe. Links davon fand mein Erschließer-Kollege Bernt Prause in einer markanten Platte zudem ein paar etwas schwerere Linien. Der Fels ist auch hier sehr kompakt und bietet difficile Kletterei an kleingriffigen Rauigkeiten.
Wegen der nordwestseitigen Lage sind die neuen Routen vor allem für heiße Hochsommer-Tage empfehlenswert. Hier kann vormittags angenehm im Schatten geklettert werden. Das Gebiet ist mit dem E-Bike über die Forststraße durch’s Raintal schnell zu erreichen. Danach geht es nicht mehr weit über den Wanderweg Richtung Nesselwängler Scharte zum Sohlerstein hinauf. Und nach dem Klettern kann in einer der zahlreichen Hütten im Raintal eingekehrt werden.
Routenangebot
d’Vodta (6+)
Es handelt sich um eine steile, abwechslungsreiche 4-Seillängen-Tour mit kompakten Platten, markanten Pfeilern und Verschneidungen, die mit kurzen Quergängen verbunden wurden. Sehr schöne Kletterei mit vielen spannenden Passagen sind Programm. Der Einstieg befindet sich links einer schrofigen Abflachung am Wandfuß. Abseilen über die Tour. (6 obligatorisch).
s’Muadal (6+)
Im unteren Teil sind es oft geneigte Platten, weiter oben steilt sich das Gelände mit einer Headwall deutlich auf. Die Tour bietet durchgehend festen Fels mit schöner Kletterei. Der Einstieg befindet sich rechts bei einer Schutthalde, am Ende seilt man über die Route wieder ab. (6 obligatorisch).
Corona (6)
Kurze Sportklettertour mit einem langen Riss und athletischem Foothook (5+ obligatorisch)
Pro Libido (7)
Steile Platte mit einer kleingriffigen Schlüsselstelle, ca. 30 Meter lang
In Dubio (7-)
Steile Platte mit technischer Kletterei, ca. 30 Meter lang
Absicherung
Sämtliche Routen sind perfekt mit Bohrhaken abgesichert. An den Ständen befinden sich Ketten zum Abseilen.
Ausrüstung
50-Meter-Doppelseil, 12 Exen, Schlingen, Abseilausrüstung, Helm
Ausgangspunkt
Musau bei Reutte/Tirol. Beim Gasthof Bärenfalle ein kurzes Stück weiter zum Wanderparkplatz für die Otto-Mayer-Hütte bzw. Musauer Alm.
Zustieg
Vom Parkplatz am besten mit dem E-Bike Richtung Otto-Mayer-Hütte hinauf. Nach ca. 6 Km Bike-Depot, dort wo der Wanderweg nach links zur Nesselwängler Scharte abzweigt (ca. 30 Minuten). Man steigt durch einem Bach und folgt dem Weg zur Kellenspitze hinauf. Nach ca. 45 Minuten erreicht man den „Sohlerstein“, einem kleinen Felsplateau mit Gedenktafel. Hier verlässt man den Pfad nach links und steigt kurz weglos zur Wand hinauf.
Abstiege
Abseilen bzw. Ablassen über die Kletterrouten
Unterkünfte
Otto-Mayer-Hütte www.ottomayrhuette.com
Füssener Hütte www.fuessener-huette.at
Willy-Merkl-Gedächtnis-Hütte www.alpenverein-friedberg.de
Musauer Alm www.musauersennalp.at
Bildgallerie

