„Buzzkill“ an der Solstein-Nordwand

„Buzzkill“ an der Solstein-Nordwand

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Im Herbst 2018 lernte ich im Alpinzentrum Kempten Fabian Bendlin kennen und wir unterhielten uns über verschiedene Erstbegehungs-Projekte. Dabei erzählte er mir von seiner neuen Route, die er zusammen mit Jef Verstraeten an der Solstein-Nordwand im Karwendel-Gebirge erstbegangen hat: „Buzzkill“, was soviel heißt wie „Spaßverderber“. Darüber kann ich auch ein Lied singen. Nicht nur einmal empfingen mich die Jäger nach Vollendung einer neuen Route am Wandfuß, am Auto oder sonst irgendwo. Nur nichts einreden lassen, im Alpinen Ödland herrscht freies Betretungsrecht, so auch am Solstein …

Hier ein Bericht von Fabian Bendlin

Tag 1

31. Juli 2018, 9 Uhr morgens … Scharnitz – Tirol … zwei hochmotivierte Kletterer steigen mit einem vorahnenden Grinsen im Gesicht aus ihren Kletterbussen. Das ist der Beginn einer 4-tägigen Erfolgsgeschichte mit Licht und Schatten. Nach kurzem Umpacken geht’s in Richtung Christenalm, und noch ein Stückchen weiter bis zum Ende des Fahrwegs an der Hubertushütte.

Schon auf dem Weg ist die rießige Solstein-Nordwand zu sehen. Da soll’s hochgehn. Nachdem die Flaschen am Brunnen an der Hütte gefüllt sind, geht’s durch den Wald zum Schuttfeld, wo wir erstmal die Wand begutachten, Fotos machen und schon mal wild spekulieren, wie mögliche Lösungen aussehen könnten, ohne die Route „NO-Pfeiler“ von 1945 zu treffen. Die Devise: Einfach immer schwerer als 6 klettern, dann sind wir nicht in der Pionierstour.

Nach einem kurzen Fußmarsch zur Wand die zweite Lagebesprechung und Begutachtung der möglichen Einstiege. Aber eigentlich ist es schon ganz klar. Es MUSS durch den markanten, langen Riss auf der glatten Platte gehen! Kletterschuhe, Gurt, Schuhe an, Material anhängen, ins Seil einbinden, Bohrmaschine vorbereiten und los geht’s! Jef steigt die erste Länge souverän und zügig vor, Bolt um Bolt verschwindet im Fels. Nach einer Stunde kommt ein lautes „STAAAAND!“ und ich mach mich auch auf den Weg. Am ersten Stand gibt’s dann einen 2 Minuten Crash-Kurs im Bohrhaken setzen und dann drückt mir Jef die Bohrmaschine in die Hand.

Die nächste Länge sollte sich als die leichteste der ganzen Tour herausstellen und ist deshalb perfekt zum Starten. Und so schwer ist es auch gar nicht, nach nicht allzu langer Zeit kann auch ich „STAAAAND!“ schreien. Der zweite Akku ist noch nicht leer, also startet Jef in die dritte Länge und die nun plötzlich richtig steil gewordene Wand. Meter um Meter wächst die Tour und nach einigen kleineren Überhängen die allerdings schon ein bisschen Bizeps erfordern, stehen wir auf einem Band am dritten Stand, und voller Tatendrang klettere ich in die vierte Länge. Am zweiten Haken werde ich daran erinnert, dass heute etwas anderes als meine Kraft der limitierende Faktor ist: der Akku der Bohrmaschine, er ist leer.

Das war’s für heut. Was für ein Tag, dreieinhalb Seillängen, wahnsinns Ausbeute. Zurück im Tal fuhren wir nach dem Einkaufen zur Mimi, bzw. dem Haus ihrer Eltern, was unsere noble Bleibe mit Badeteich während des Projekts war. Der Badeteich kam uns in der sengenden Hitze gerade recht … bei dem Sommer bietet sich doch auch schon der erste Routenname an: „Summer in the City“ – Danke an dieser Stelle an Joe Cocker für diesen hammer Song!

Tag 2

Gut ausgeschlafen starten wir wieder zur Hubertushütte, laufen zur Wand und packen unsere deponierte Ausrüstung aus. So schnell die 3 Seillängen am Vortag auch eingerichtet waren brauchen wir gefühlt recht lang zum 3. Stand. Wie auch immer, auf ein Neues, ich steig zum obersten Haken und darüber hinaus und suche weiter nach dem besten Fels in direkter Linie. Nach ca. 20 Metern hänge ich unter einem Dach … jetzt geht’s zur Sache. Mit einem Bohrhaken und einigen Friends kämpfe ich unter größten Anstrengungen und Schweißausbrüchen (obwohl schattige Nordwand) durch die stark überhängende um völlig ausgelaugt aber erleichtert einen Stand auf dem Band bzw. der Nische danach einzurichten. „A Achterle“ sagt Jef nur beim abbauen des Friendkonstrukts, während er sich zu mir arbeitet.

Als wir uns am Stand neu sortieren fängt es gerade an zu tröpfeln … und kurz später zu regnen. Das stört uns vorerst aber kaum, da der Stand durch den Überhang darüber trocken bleibt und wir uns zur Erholung nun unsere Brotzeit gönnen. Grad nett und entspannend ist es mit Musik („Sad Robot“ – ein möglicher Routenname?) und Studentenfutter.

Nach anderthalb Stunden ist es wieder einigermaßen trocken und Jef startet in den nächsten, steilen Teil der Wand. Als er am Stand ist und ich losklettere ist der Fels sogar wieder komplett trocken … der Sommer ist echt heiß dieses Jahr. Die Länge ist wieder schwer. Und 10 Meter vor dem Stand schneide ich mir auch noch die Hand am scharfen, wasserzerfressenen Fels auf … naja, es ist ohnehin schon spät, deshalb machen wir uns schnell ans Abseilen. Dabei ergänzen wir die Tour gleich noch um ein paar Haken. Dieses Mal nur zwei Längen, dafür aber schwer und ok, es hat geregnet.

Mittlerweile etwas lädiert und mit müden Knochen besprachen wir abends das weitere Vorgehen. Nachdem wir uns kaum entscheiden konnten änderte sich plötzlich der Wetterbericht und entscheidet für uns: nur wenige Sonnenstunden und über 80 % Gewitterwahrscheinlichkeit am nächsten Tag, aber schönstes Wetter am übernächsten Tag

Am Pausetag ließen wir es uns gut gehen. Ausschlafen, Grillen, Baden und Entspannen und das auch noch mit im Tal schön gebliebenen Wetter, während die fernen Berge dunkel eingehüllt waren. Da bleibt viel Zeit zum Philosophieren, über Kletterethik, Ernährungsethik und auch Beziehungen, was ein sich wandelndes Thema heutzutage ist … immer mehr Trennungen, mehr mögliche Partner, da mehr Mobilität und passend dazu las Jef ein Buch „Treue ist auch keine Lösung“. Ist das vielleicht ein guter Routenname?

Tag 3

Tags drauf zeigt sich, wie goldrichtig die Entscheidung zu pausieren war. Zum einen waren die Seile, die wir in der ersten Länge hängen gelassen haben noch etwas nass – es hatte also sehr wohl und genug geregnet. Zum anderen waren wir wieder voller Energie, wir waren zum fünften und bis dato obersten Stand schneller als zwei Tage zuvor zum Dritten. Außerdem konnten wir nun saubere Bewertungen abgeben, denn alle Seillängen gingen Rotpunkt! Aber am fünften Stand stehend zu dem aktuellen Problem … wir haben die Qual der Wahl: guter Fels links oder guter Fels rechts? Ich entscheide mich für links und weiter geht’s. Nach der halben Seillänge kommt das erste Mal ein kleiner Makel in der Wand, ein kurzes, schuttbedecktes Band. Aber danach kommt wieder umso festerer, kompakter Fels.

Nach einer weiteren Seillänge und einem Blick auf die Uhr wird uns klar: „Das können wir heute oben rausklettern“. Aber die Wand sah gerade aus über uns steil und nicht besonders henkelübersäht, nein, sogar recht schwer aus. Also wie machen wir das am schnellsten? Ich klettere mit Bohrmaschine aber nur einem Haken komplett clean zickzack nach oben. Als das Gelände flacher und die Seilreibung kaum noch tragbar wird suche ich mir einen schönen letzten Standplatz und versenke meinen einen Bohrhaken. Jef steigt direttisima am Materialseil nach und kreuzt nur schnell im vorbeiklettern sinnvolle Hakenpositionen mit dem Finger und etwas Chalk an. Als er bei mir ist bestätigt er die vermuteten Schwierigkeiten durch seine schwere Atmung. GEIL! Wir sind oben.

Nach kurzem Genießen des Augenblicks seilen wir die letzte Länge ab. Dabei setze ich Bohrhaken an den von Jef getickten Stellen. Aber jetzt fehlt noch was … genau, eine Rotpunktbegehung. Und da wir beide noch richtig heiß drauf sind klettern wir die Länge noch beide im Vorstieg und rotpunkt … obwohl sie wirklich noch mal die Muskeln fordert.

Jetzt wird es aber schon langsam Abend. Wir seilen komplett ab, setzen ergänzend noch den ein oder anderen Bohrhaken bis wir bei schönstem Abendrot total glücklich und in Feierlaune am Einstieg ankommen. Zusammenpacken, runter zum Auto und ab zum Abendessen ins Tal.

Doch als wir gerade losgefahren sind, stehen ein paar Jäger auf dem Weg und halten uns auf. Das kann nichts Gutes bedeuten. Schließlich gehören die Berge ja nur und ganz einzig und allein denen… Kurz später steht einer am Autofenster: „Was macht ihr da?! Blablabla … keine Genehmigung vom Bundesforstamt … blabla … ihr habt’s Steine runtergworfen … ihr habt’s da kei Hakerl eini zum schlagen …!“ Fuck! Hat der Recht? Dürfen wir das ga rnicht? … Schmarrn in alpinem Gelände darf man machen was man will. Aber das wussten wir zu dem Zeitpunkt noch nicht. Was für ein Dämpfer. Der ganze Spaß verdorben. Und da haben wir auch schon fix unseren Routenname: Das war die Geschichte der Erstbegehung der „BUZZKILL“!

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