Nice Work Boys an der Hochwand

Nice Work Boys an der Hochwand

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Der amerikanische Bordschütze Arthur Reents konnte sich 1944 beim Abschuss seiner Kampfmaschine gerade noch rechtzeitig in Sicherheit bringen. Mit einem Fallschirm entkam er knapp der Katastrophe und landete schließlich in Gipfelnähe der Hochwand. Als die Leutascher Bergrettung mit der Bergung eines toten Soldaten begann, hörten sie Rufe aus der über 1000 Meter steil abfallenden Wand. Schließlich entdeckten sie den abgestürzten Fallschirmspringer aus der Ferne und begannen wenige Tage später mit seiner Rettung. Arthur war völlig entkräftet und brachte kein Wort über die Lippen. Erst als er wieder festen Boden unter den Beinen spürte, bedankte er sich bei der Mannschaft mit den Worten „Nice Work Boys“.

2011 vollendete das Duo Klotz & Hiemer aus Peißenberg nach längeren Vorarbeiten ihr Mammut-Projekt, das sie dem Bordschützen Arthur Reents widmeten. 1500 Klettermeter und 26 Seillängen bis zum unteren 8. Grad waren für Adi Stocker Grund genug, die „Nice Work Boys“ in seine Sammlung der längsten Kletterrouten in den Nördlichen Kalkalpen mit aufzunehmen. Das inhaltlich perfekt illustrierte Buch der „Longlines“ hat sich schnell zum Standardwerk etabliert und beinhaltet 40 Touren zwischen dem Rätikon und Gesäuse, für die man früh aufstehen sollte.

So klingelte auch für uns der Wecker um 5 Uhr morgens und wir radelten über die Ehrwalder Alm hinab ins Gaistal. Wieder einmal hat es sich bestätigt, dass ein gutes Wandbild für solch eine Unternehmung die halbe Miete ist: aus der Ferne betrachtet befindet sich der Einstieg am untersten Ende eines V-förmigen Einschnitts am tiefsten Punkt der Wand. Alles schön eingebettet durch einen rießigen Latschen-Teppich.

Das war von Anfang an klar, allein der Zustieg durch die weglose Botanik wird trotz Beschreibung ein Abenteuer werden. Und die Zeit drängt bei dieser überdimensional großen Wand mit 1500 Klettermetern. Ziemlich naiv, wie wir die Tour angegangen sind. Das große Geröllfeld im Schwarzbachtal ist hinter einem Wald versteckt nur schwer zu finden. Trial & Error, irgendwie haben wir uns durchgemogelt. Wer nach ein paar hundert Metern genau hinschaut, erkennt am hinteren Ende des Geröllfelds eine Rinne, die nach links zum Einstieg hinaufführt. Ein zerfallener Steinmann! Könnte passen. Über gelegentliche Steilstufen in der Rinne gelangt man zu einem Wasserfall, der nach rechts durch eine Latschen-Gasse umgangen wird. Letztendlich zurück ins Bachbett, erreichten wir über wassergefüllte Gumpen den völlig entlegenen und unübersichtlichen Einstieg.

Gleich zu Beginn nur ausgewaschene, glatte Rinnen. Bei Starkregen geht hier der Punk ab. Die Bohrhaken im Zehn-Meter-Abstand im fast schon genüsslichen Wasserrillen-Gelände sind nur schwer zu finden oder vom Steinschlag bzw. Sturzbächen abgeschlagen. Irgendwann, vielleicht nach der 8. Seillänge, verloren wir die Orientierung und sicherten uns mit Schlingen, Keilen und Friends weiter. In der 13. Seillänge erreichten wir ein breites schottriges Band und standen am Beginn der eigentlichen Hauptschwierigkeiten.

Der Blick auf die Uhr: Später Mittag. Für den Gipfel war es längst zu spät. Und wie sollen wir ohne uns bekannten Abseilständen hier wieder runterkommen? Wir setzten uns ein Limit und wollten bis 15, maximal 16 Uhr weiterklettern. Die Wand wurde steil, dafür verschwenderisch rauh, noch dazu gut abgesichert. Die Erstbegeher zeigten ein Gespür für eine kletterbare Linie entlang der schwächsten Zonen der Wand. Wasserzerfressene Platten und Leisten ermöglichen in geschwungener Linie einen Durchstieg. Nach weiteren 7 Seillängen im oberen 6. bis unteren 8. Schwierigkeitsgrad entschieden wir uns nach der 20. Seillänge zur Umkehr. Schade. Die Hauptschwierigkeiten lagen hinter uns, aber die Zeit drängte …

Mit dem Doppelseil konnten wir zunächst einige Stände überspringen und wir erreichten das große Schuttband. Wo ist die nächste Abseilstelle? Ständige Unsicherheit, dazu Steinsschlag-Garantie beim Seil-Abziehen. 13 Seillängen im mäßig steilen Gelände retour. Durch ewiges Hin- und herpendeln bzw. rauf und runter, fanden wir mit viel Glück immer wieder einen Ring. Unübersichtliches, alpines Gelände, das hätte auch anders ausgehen können … Beim Abseilen entdeckten wir die vom Steinschlag abgeschlagenen Bohrhaken, wo wir uns beim Aufstieg verirrten. 18 Uhr am Wandfuß, 19 Uhr am Bike und schließlich 21 Uhr in Ehrwald. Gerade noch rechtzeitig vor Einbruch der Dunkelheit …

Fazit

Wer auf den Gipfel will, sollte aufgrund der vielen Klettermeter, Abstieg inclusive, am Wandfuß oder noch besser nach der 13. Seillänge auf dem Band biwakieren. Der Einstieg ist in der Dunkelheit am Morgen kaum zu finden. Die wenigen „Tagesgäste“ seilen am Ende der Hauptschwierigkeiten bzw. Wandbuch wieder ab. 26 Seillängen, mit Zustieg und Klettern sind ein tagesfüllendes Programm …

Insgesamt ist die Tour etwas unhomogen. Ein 8er Kletterer wird sich im unteren bzw. oberen Drittel etwas langweilen. Für die anderen ist der Mittelteil zu schwierig. Was mich betrifft: ich würde in die Tour wieder einsteigen. Abgeschiedenes Alpines Ambiente, 1500 m Kletterstrecke und am Ende auf dem Gipfel stehen … Wahnsinn …

Schwierigkeit

Seillänge 1 bis 13: Schwierigkeitsgrad 3 bis 5. Teilweise schwierige Orientierung und fehlende Haken.

Seillänge 14 bis 26: Schwierigkeitsgrad 3 bis 8 bzw. 7- A0. Gut gesichert.

Gipfelgrat: 500 Meter Kletterstrecke im 2. bis 3. Schwierigkeitsgrad. Sehr alpin.

Absicherung

In den ersten 13 Seillängen Hakenabstände bis zu 10 Metern. Mit mobilen Sicherungsgeräten kann gelegentlich optimiert werden. In den Hauptschwierigkeiten perfekt mit Bohrhaken gesichert. Am Gipfelgrat befinden sich keine Haken, es muss mobil gesichert werden

Material

60-Meter-Doppelseil, Keile und Friends, Schlingen, Abseilausrüstung, Helm!

Talort

Wir gingen die Tour von Ehrwald (Zugspitze) aus an. Parkplatz und Übernachten bei der Ehrwalder Alm Bahn.

Zustieg

Mit dem Bike über die Fahrstraße zur Ehrwalder Alm Bahn hinauf. Man folgt dem Schotterweg Richtung Coburger Hütte und biegt nach links Richtung Leutasch bzw. Gaistal ab. Noch vor dem breiten Massiv der Hochwand zweigt vor einer Brücke nach rechts ein Fahrweg ab. Bikedepot. Man überquert einen Bach und gelangt nach links durch den Wald zum breiten Geröllfeld des Schwarzbachkars. Man folgt diesem ca. 300 m nach rechts bis von links ein schwach ausgeprägtes Bachbett mündet. Nun immer der Rinne über Steilstufen bis zu einem Wasserfall folgend. Dieser kann rechts durch eine Latschengasse umgangen werden. Nun wieder nach links Richtung Bachbett und über Wasser-Gumpen empor. Der Einstieg befindet sich zu Beginn der ausgewaschenen und sich aufsteilenden Wand. Von Ehrwald ca. 3 Stunden.

Abstieg

Am Ende der Hauptschwierigkeiten Abseilen über die Route bzw. weiter zum Gipfel. Von dort über die Alplscharte zurück zum Schwarzbachkar bzw. über den Normalweg ins Inntal. Hierbei ist die Mitnahme einer Karte dringend erforderlich.

Topo

Kletterführer „Longlines“ von Adi Stocker. Siehe www.panico.de

Weitere Infos

www.alpines-klettern.de

 

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