Was die Dominanz betrifft, kann die mächtige Südwand der Kellenspitze mit ihren Tannheimern Nachbarn locker mithalten. Doch leider wird sie von vielen Schluchten, eingelagerten Pfeilern und abfallenden Grasflanken durchzogen, für Erstbegeher ein eher wenig einladendes Terrain. Dazu ist der Fels oft splittrig, hin und wieder auch zu kompakt, was das Klettern besonders erschwert. Es braucht schon viel Phantasie, Erfahrung und Einsatz, um hier eine lohnende Linie zu finden. Brauchbare Kletterrouten gab es hier nie, doch immerhin war die Wand gut genug für einen Klettersteig, der mittlerweile sehr beliebt ist.
2021 war es dann soweit. Die Ostallgäuer Erschließer Martin Oswald & Kollegen ließen sich von all den Umständen nicht abschrecken und fanden einen kletterbaren Weg durch die unübersichtliche Wand. Dabei reihten sie die lohnendsten Wandabschnitte übereinander, bis nach 9 Seillängen bzw. 300 Klettermetern die Route „Engel fliegen leise“ entstand. Der Bann war gebrochen und es sind bereits weitere Projekte an der Kellenspitze-Südwand in Arbeit …
Es geht von Beginn an gleich richtig zur Sache, wer den anstrengenden athletischen Überhang bewältigt, hat die Eintrittskarte für den Rest der Tour in der Tasche. Gleich darauf wird es etwas einfacher, um an eine Reihe übereinander gelagerter Türme zu gelangen. Diese werden immer wieder durch grasige Querbänder unterbrochen, wo sich teils bequeme Standplätze befinden.
Der Fels ist überwiegend fest und es gibt immer wieder Passagen mit kleingriffigen Schuppen, die vor Rauigkeit strotzen. Es handelt sich oft um steile, bislang noch wenig abgekletterte Wandkletterei an den Pfeilerkanten, gewürzt mit kurzen Quergängen. Manchen Stellen sind etwas brüchig, hier sollte vorsichtig geklettert werden, da sich am Wandfuß ein Wanderpfad befindet. Doch die Tour wird nach oben hin immer besser: besonders schön sind die letzten beiden Seillängen mit kompakten Verschneidungen und schmalen Rissen in fantastischem Fels.
Vom letzten Stand weg wird es dann alpin: da die Route nicht für’s Abseilen eingerichtet ist, muss über den Ostgrat der Kellenspitze, dem sogenannten Teufelsgrat, nach links weitergeklettert werden. Der Weg ist anfangs sehr exponiert, es kann kaum gesichert werden, bis sich der Grat in steile Wiesen bis zum Gipfel verliert. Danach folgt der Abstieg über den teilweise versicherten Normalweg, der nochmal konzentriertes Klettern verlangt.
Man darf die Tour nicht unterschätzen: der Zustieg ist für Tannheimer Verhältnisse eher lang, die Kletterei trotz Bohrhakenabsicherung teilweise anspruchsvoll und der Ostgrat auf den Gipfel zieht sich. Dazu kommt ein langer Abstieg bis in’s Tal hinab. Wer es etwas gemütlicher angehen will, dem sei eine Übernachtung auf einer der zahlreichen Tannheimer Hütten empfohlen …
Schwierigkeit
Überwiegend 5 bis 6, gelegentlich leichter. Maximal 7 bzw. 6+/A0 (6+ obligatorisch)
Absicherung
Die Route ist ausreichend bis gut mit Bohrhaken abgesichert. Es ist immer wieder mit zwingenden Kletterpassagen zu rechnen. In wenigen Fällen können auch Friends gelegt werden.
Ausrüstung
50-Meter-Einfach-oder Doppelseil, 12 Exen, Schlingen, Friends
Ausgangspunkt
Am östlichen Ortsende von Nesselwängle, kurz vor dem Gaichtpass, befindet sich der Parkplatz für die Schneetal Alm.
Zustieg
Vom Parkplatz über die Holzbrücke der Beschilderung Richtung Schneetal Alm folgen. Im oberen Bereich geht man entlang der Schilder Richtung Sabachjoch bzw. Kellenspitze-Klettersteig. Sobald die breite Südwand der Kellenspitze sichtbar wird, kann weglos direkt zum Einstieg aufgestiegen werden. Dieser befindet sich ca. 200 Meter rechts des Klettersteigs bzw. wenige Meter links einer markanten Schafgufel. Vom Parkplatz ca. 2,5 Stunden. Es kann auch ein gutes Stück mit dem E-Bike über eine Forstraße Richtung Schneetal Alm hinaufgefahren werden. Somit verkürzt sich der Zustieg um eine Stunde.
Weiterweg zum Gipfel
Vom Ausstieg der Tour nach links über einen exponierten Grat, später an steilen Wiesenhängen zum Gipfel aufsteigen. Ca. 40 Minuten.
Abstieg
Vom Gipfel über den teils versicherten Normalweg zur Nesselwängler Scharte hinab. Von hier nach links zurück zum Klettersteig bzw. Einstieg der Tour. Ca. 1 Stunde.
Unterkünfte
Schneetal Alm schneetal-alm.de
Literatur
Kletterführer Allgäu incl. Tannheimer Berge www.panico.de
Bildgallerie

