Das Gipfelkreuz am Kelleschrofen steht wieder

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Ein Bericht von Gregor Mayer

Alle Gipfel bestiegen zu haben, die man von zu Hause oder von der Ferienunterkunft aus sieht … diesen Wunsch kennen viele. Mich hatte vor Jahren die Steigerung gepackt: Alle Grate gegangen zu sein, die ich vom Balkon sehen kann. Ein letztes Stück fehlte noch: der Teufelsgrat. Jahrelang habe ich nach einem Kletterpartner dafür gesucht, vergebens. Im Sommer 2024 riss mir bei schönstem Wetter der Geduldsfaden, und ich bin mit dem Rad allein von meiner Füssener Wohnung zur Musauer Alm, zu Fuß auf die Kellespitze und über den sehr anspruchsvollen Teufelsgrat runter und rüber auf den Kelleschrofen, dem östlichsten Punkt des langen Grates. Das Kreuz, das ich jeden Schön-Wetter-Morgen sehen kann, hat mich empfangen. Ein Blick in das immer noch erste Gipfelbuch: Seit 1968 nur zur Hälfte beschrieben, teils von großen Namen der (zumindest!) lokalen Alpingeschichte wie Toni Freudig, Luis Stitzinger, Marcus Lutz.

Projekt Wiedererstellung des Gipfelkreuzes

Wenige Wochen später sehe ich das Kreuz plötzlich nicht mehr! Ein Blick mit meinem 10 x 42 Fernglas erst von zu Hause, dann sogar von der benachbarten Schneidspitze zeigt: Es steht definitiv nicht mehr. Ein Jahr hat es gedauert, bis ich jemanden gefunden hatte, der mit mir nach dem Rechten da oben sieht, auch ein Gregor, ausgerechnet aus Wuppertal (www.hikr.org

Der Anblick des von Blitz und Sturm bei einem dramatischen Wettersturz mit folgendem Dauerfrost niedergestreckten Kreuzes und des völlig zerfetzten Bleiguss-Christus lässt erschaudern! Der Entschluss ist gefasst: Das Gipfelkreuz muss wieder errichtet werden. Das Gipfelbuch habe ich ins Tal genommen, um dieses alpinistische Zeitdokument durch das Diakonie-Werk Herzogsägmühle neu binden zu lassen.

Wieder ein Jahr später hatte ich eine Mannschaft zur Wiedererrichtung beisammen, 4 von 5 Helfern sind Mitglied der DAV Sektion Gipfelkreuz: Peter Krecu (hat das Projekt zur Hälfte finanziert), Alex Corbi, Cornelius Enz (Bergführer, hatte Maschinen bereitgestellt) und Gregor Rauser (Bergführer) unterstützten mich www.dav-gipfelkreuz.de

In wechselnden Besetzungen trafen wir an mehreren Tagen Vorbereitungen. So bohrten wir zusätzliche Haken, verbesserten die Abseilstände, befreiten das Kreuz von den Resten des zerborstenen Christus und des ausgebrochenen Fundaments, brachten (viel zu viel!) Wasser, 10 kg Zement, 35 m Stahlseil, 20 m Blitzableiterdraht, Bohr- und Flex-Maschinen, Hammer, Kleinmaterial und Holzstützen nach oben. Für die Blitzableiter-Halterungen und den Christus hat Cornelius Gewinde ins Metallkreuz geschnitten.

Ende September 2026 war es soweit. Karin von der Schneetal-Alm hat für uns die Erlaubnis eingeholt, dass wir das Material mit einem Privat-PKW bis zur Bergstation der Hahnenkamm-Bahn hochfahren durften. Und ihr Neffe Marco war bereit, mit seinem Quad die schweren Rucksäcke bis zur Lechaschauer Alm zu fahren. Von dort gings zu Fuß unterhalb der Ditzl und der Schneidspitze bis zum Abzweig in‘s weglose Gelände. Hier legten wir alles Klettermaterial an. Über steiles Gras erreichten wir in einer Doppel-S-Kurve den ersten Stand und seilten uns an. Die Zweierseilschaft stieg voraus über‘s Schrofengelände, die Dreierseilschaft hinterher. Wegen der besseren Sicherungsmöglichkeiten und teils neu angebrachten Haken sind wir nicht den heiklen „Normalweg“ über‘s sehr steile Gras gegangen.

Die ohnehin anspruchsvolle Kletterei wurde mit unserem schweren Gepäck nicht einfacher. Mit unserem raumgreifenden Material auf dem Rücken konnten wir zwischen senkrechten Felswänden gerade noch unter einem Klemmblock durchschlupfen. Also hätte die Südrinne durchaus die Bezeichnung „Kamin“ verdient, aber der Name ist anderweitig belegt. Klettertechnisch waren die Schwierigkeiten am Joch mit dem kaputten Wandbuch zwar vorbei, nicht aber die Gefahren. Denn die ca. 50 m lange Querung in der äußerst ausgesetzten Nordflanke verzeiht keine Fehler. Wir haben in der Nähe eines alten Schlaghakens einen Bohrhaken gesetzt, um etwaige Pendelstürze besser abfangen zu können. Dieser Haken dient gleichzeitig als Stand nach der ersten Abseillänge. Angekommen oben am ersten Abseilstand (den wir mit zwei Ketten und 1 Maillon verbessert haben) geht ein herrlicher Balanceakt auf dem fast waagrechten schmalen Grat zum Gipfel. Rechts und links nahezu senkrechte tiefe Fluchten. Sinnvolle Möglichkeiten zu sichern gibt es nicht: Das Gelände will beherrscht sein!

Nun ging‘s an die Arbeit, jeder hatte seinen Job. Die Haken, um das Kreuz neu zu befestigen und um uns bei der Arbeit zu sichern, hatten wir Tage zuvor schon gesetzt. Wir gruben ein Loch, richteten das Wahrzeichen wieder auf, brachten es provisorisch abgestützt mit Brettern ins Lot, verlegten den Blitzableiterdraht, erst am Kreuz, dann bis in den grasigsten (steilen!) Abschnitt unterhalb des Gipfels. Ein Blitzableiter existierte vorher nicht – er hätte das Unglück eventuell verhindern können. Den kaputten Corpus haben wir durch einen alten unversehrten Christus aus Metall aus den Archivbeständen der katholischen Pfarrei St. Mang, Füssen, ersetzt. Moderne Stahlseile wurden abgelängt, in 4 Himmelsrichtungen gespannt und an soliden Bohrhaken fixiert. Ganz zum Schluss wurde bei Temperaturen um die 9 °C der Beton angemischt und ins vorbereitete Loch gegossen. Ruck Zuck (um die Hersteller-Werbung zu zitieren) war er halbwegs gebunden und wir konnten die Holzstützen ab- und zu einem Gipfelbänkchen umbauen. Welch ein Komfort auf diesem einsamen Gipfel! Nun steht das besondere Gipfelkreuz also wieder und begrüßt jeden, der hier ankommt, mit dem Leitspruch im Gipfelbuch „Ehre sei Gott in der Höhe – und Friede den Menschen guten Willens!“ Mit einem gemeinsamen Gebet verabschiedeten wir uns vom Gipfel und machten uns auf den Rückweg.

Ob man sich für den schmalen Gipfelgrat anseilt, ist Ermessenssache, angesichts der Ausgesetztheit wär‘s nur für die Psyche! Für die Querung nach der ersten Abseillänge sollte man unser Angebot, über den Standplatzhaken zu sichern, annehmen. Ab der Scharte ging es dann wegen wesentlich leichterer Rucksäcke elegant von Abseilstand zu Abseilstand, so komfortabel, dass man schon von einer Abseilpiste sprechen könnte. Der letzte Abseilstand hat zwar nur 1 Klebehaken, wir haben aber eine 40-cm-Kette drangehängt, damit das Seil beim Abziehen nicht so klemmt. Beim restlichen Abstieg übers steile und mit lockeren Steinen bespickte Gras ist besondere Vorsicht geboten, dies auch mit Rücksicht auf eventuelle Wandersleute am Normalweg. Trotz unserer Verbesserungen bleibt der Kelleschrofen einer der schwierigsten Gipfel der Tannheimer Berge und Kletterern vorbehalten, die extrem steiles Schrofengelände ohne Sicherungen und Fels im III+ Grat beherrschen.

Ein toller Tag mit einem tollen Team! Ein Rundfunk-Interview steht in der Mediathek von Radio Horeb Interview mit Radio Horeb , der Bericht der Allgäuer Zeitung erfuhr große Aufmerksamkeit , allein die online-Ausgabe verzeichnete in den ersten 2 Tagen 33.000 Klicks: Allgäuer Zeitung

Ein Zusammenfassung mit einem Filmchen gibt’s auch auf www.dav-gipfelkreuz.de

 Es ist geplant, noch den Metallschrott von 1968 ins Tal zu bringen. Wer hierbei mithelfen möchte, melde sich bitte bei gregor.mayer@dav-gipfelkreuz.de

Schwierigkeit am Normalweg über die Südrinne
Überwiegend T6 bis II, ein bis zwei Schlüsselstellen je nach Variante III obligatorisch oder III+.

Absicherung
Das Vorhandensein einiger Haken (von rostigen Schlaghaken bis zu modernen Klebehaken) ändert nichts daran, dass Seillängen von 30 m (fast) ungesichert gegangen werden müssen. Ein paar Köpflschlingen sind deshalb hilfreich, Keile oder Friends braucht es nicht mehr, aber „wie es euch gefällt“. Abseiltechnik muss beherrscht werden. Die berüchtigte Brüchigkeit des Kelleschrofens ist auf unserer Tour vergleichsweise weniger herausfordernd als im Führerkamin oder gar im Bachschmid-Kamin. Das Hauptrisiko liegt im Steinschlag, ausgelöst vom eigenen Seil.

Ausrüstung
60-Meter-Einfachseil, 7 Exen, Schlingen (auch 1 x 180er ist hilfreich)

Ausgangspunkte zum Sabachjoch

Von Norden Richtung Musauer Alm
Parkplatz Bärenfalle bei Musau, kostenlos. Mit dem Rad kurz vor die Musauer Alm fahren (Bikedepot), dann zu Fuß links hoch zum Sabachjoch. Ca. 1000 Hm bzw. 2,5 Stunden.

Von Süden Richtung Hahnenkamm
Reutte-Höfen, Parkplatz Hahnenkamm-Bergbahn, neuerdings mit Gebühren am Automat. Mit der Bahn hoch, dann rechtshaltend dem beschilderten Weg Richtung Sabachjoch entlang. Ca. 200 Hm auf 3 Km bzw. 1,5 Stunden.

Von Westen Richtung Schneetal-Alm
Parkplatz Nesselwängle-Ost, Parkster-Gebühren. Mit dem Bike den Fahrweg Richtung Schneetal Alm hinauf. Am Ende der Straße zu Fuß weiter zum Sabachjoch. Ca. 730 Hm bzw. 2 Stunden.

Von Westen Richtung Gimpelhaus
Parkplatz Krinnenspitze, Parkster-Gebühren. Aufstieg zum Gimpelhaus, anschließend rechtshaltend zum Sabachjoch. Nur sinnvoll in Kombination mit Übernachtung auf dem Gimpelhaus oder der Tannheimer Hütte. Ca. 730 Hm bzw. 2,5 Stunden.

Zustieg vom Sabachjoch zum Kelleschrofen
Vom Sabachjoch hält man sich westlich erst leicht ansteigend, dann leicht abfallend an den Wanderweg zum inzwischen sehr beliebten Kellespitze-Klettersteig. Eine Stelle zwischen zwei ausgeprägten Schotterreisen bietet sich an, schon alles Klettermaterial anzulegen. In einer Doppel-S-Kurve geht es weglos über steiles Gras zu den Schrofen unterhalb der Südrinne. Rechts 1 x Bohrhaken, das ist der 1. Stand.

Abstieg
Über die „Abseilpiste“. Der am Joch auf den Fels mit roter Farbe geschriebene Hinweis „-> 45m“ kann ignoriert werden, je nach Seillänge kann auch 1 Abseilstand übergangen werden. Ab Erreichen des Wanderwegs braucht man ungefähr 1 bis 1,5 Stunden bis zu den Fahrrädern bzw. Hahnenkamm-Bahn (auf die Uhrzeit der letzten Bahn achten!). Der Weiterweg über den Teufelsgrat wird hier nicht in Betracht gezogen, die Beschreibung von Goschi ist aber sehr lesenswert www.hikr.org

Unterkunft/Einkehr
Schneetal Alm schneetal-alm.de

Literatur
Kletterführer Allgäu incl. Tannheimer Tal www.panico.de

Bildgallerie

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