Die Rote Wand im Lechquellgebirge gilt als einer der eindrucksvollsten Gipfel-Kämme der Nordalpen und wurde zusammen mit dem zu Füße liegenden Formarinsee 2015 zum schönsten Platz Österreichs gewählt. Die Südwand des Bergs – optisch wie die Marmolada, nur halb so hoch – bricht bis zu 400 Meter ab und verdankt ihren Namen einem horizontal geschichteten Band aus rotem Liaskalk. Besonders im Licht der tiefstehenden Abensonne glüht der breitgezogene Felsriegel regelrecht auf und bildet einen spektakulären Kontrast zum tiefen Blau des Formarinsees und den grünen Almwiesen.
Für Bergsteiger und Kletterer ist die Rote Wand ein Sehnsuchtsort und fasziniert die Menschen schon seit langem. Sie ist weit mehr als nur eine geologische Formation, sie gilt als ein kraftvoller und spiritueller Ort, der auch wandernde Esoteriker anzieht. Unter der mächtigen Felsgestalt liegt eine markante Hochebene, die in eine Senke abfällt. Hier befinden sich kleine Tümpel, mit Steinpfählen gesäumte Pfade, mystische Orakel und Figuren aus zahllosen Steinen unteschiedlicher Gattung zusammengefügt.
Ich kann mich an einen bärtigen Nomaden erinnern, der hier mehrere Wochen zur Meditation verbrachte. Ein ehemaliger Erstbegeher der Roten Wand soll einen ganzen Sommer lang in einer Höhle gehaust haben. Viele Alpinisten kommen nicht nur zum Klettern hierher, die Faszination der Landschaft spielt da sicher auch eine bedeutsame Rolle.
„Für kletternde Geologen ist eine Unternehmung an der Roten Wand wie Weihnachten, Ostern und Geburtstag an einem Tag: Wie im Zeitraffer steigt man durch’s Erdmittelalter: Grauer Rätkalk, scharzer Aptychen- und roter Liaskalk“ beschreibt Achim Pasold die Rote Wand im Vorarlberger Kletterführer. So sind lediglich die unteren beiden Wanddrittel von erlesener Güte, nach oben hinaus wird der Fels immer brüchiger, deshalb sollte man besser am Beginn der schwarz-roten Zonen über die Aufstiegslinie wieder abseilen.
Meine erste Begegnung mit der Roten Wand war in der Route „Akrobat Schön“. Super Kletterei entlang von Rissen, Platten und Verschneidungen, die Absicherung trotz sanfter Sanierung jedoch im klassischen, alpinen Stil. So ergeben sich immer wieder mehr oder weniger lange Runouts zwischen den sporadisch vorhandenen Klebe- und Normalhaken. Keile und Friends sind in der Tour dringend anzuraten.
Wir sind damals über das brüchige Mergelband auf den Gipfelgrat gestiegen und fanden trotz ewiger Sucherei die Abseilpiste nicht. Es war bereits Anfang November, die Zeit drängte, so entschieden wir uns für den Fußabstieg über die schon verschneite Nordseite. Improvisierte Abseilstände und Null-Ortskenntnisse erschwerten den abenteuerlichen Abstieg. In einem weiten Bogen um die Rote Wand erreichten wir weglos beim letzten Licht den Parkplatz am Formarinsee.
10 Jahre später – diesesmal sollte es die angeblich gut abgesicherte „Ciao Rainer“ an einer markanten Plattenflucht sein. Über dem Wandfuß baumelnten diverse Seilschlingen statt solide Bohrhaken. Nicht schon wieder ein Abenteuer, die Zeit drängte, so querten wir mühsam über ein steiles Schuttfeld hinüber zur „Via Cosimo“, angeblich die leichteste Tour an der Roten Wand. Ein langes Verschneidungs-System im 4. bis 5. Grad – das sollte doch realistisch sein …
Der Einstieg war völlig unklar, da weit und breit kein Haken in Sicht. Es half nichts, so stiegen auf gut Glück die erste Seillänge ungesichert bis zum ersten gefundenen Standhaken. Hier soll es im 4. Grad links weitergehen, alles sehr undefinierbar, so entschieden wir uns rechtshaltend für eine deutlich schwerere Variante. Der Plan ging auf, immerhin gelangten wir nun in die vom Führer versprochene Verschneidung.
In Folge werden da immer wieder leichtere, jedoch vorort schlecht auffindbare Varianten beschrieben. Viel logischer ist es, den schwereren Rissen und Verschneidungen im 6. Grad zu folgen. Die kaum vorhandenen Haken werden mit Friends ergänzt – falls dies während dem Klettern möglich ist. So geht das durch die ganze Tour bis eine glatte, hakenlose Platte erreicht wird. An deren oberen Ende befindet sich der letzte Stand, es sei denn man lässt sich auf den Weiterweg über das brüchige Mergelband inclusive abenteuerlichem Abstieg ein. Die Alpinschnecke erklärt das näher, siehe www.alpinschnecke.at
Ein Blick zurück: Der Fels ist wunderbar kompakt, die Kletterei durch Verschneidungen, Rampen und Platten sehr abwechslungsreich, spannend bis hin zu moralisch. Die Orientierung dazu unübersichtlich, wenn man sich auf die Suche nach den leichteren Varianten begibt. Trotz gebohrter Standplätze und gelegentlich schwer auffindbarer Zwischenhaken muss das Meiste selbst abgesichert werden. „Schwierigkeitsgrad 4 bis 5“, das hört sich verlockend an, doch die im Führer angegebenen Schwierigkeitsgrade sind deutlich unterbewertet. Freunde des „Keep Wild“ bzw. der Selbstabsicherung werden in der „Via Cosima“ begeistert sein …
Folgende Wortwahl habe ich einmal im Netz gelesen, sie trifft die Faust auf’s Auge: „Wenn du Abenteuer-Klettern magst, wirst du die Rote Wand verdammt lieben und du hast eine Menge Routen zur Auswahl“. Genauer gesagt sind es über 50 Routen in den oberen Schwierigkeitsgraden. Der einstige Freikletter-Geist der Erstbegeher Wolfgang Muxel, Lothar Brunner, Jürgen Brandauer und wie sie alle heißen, wird hier konsequent weitergelebt. Anhand sanfter Sanierungen ist nur das Nötigiste gebohrt, Eigeninitiative gefragt und die Routen somit lediglich den erfahrenen Kletterern vorbehalten. Seit der Jahrtausendwende gibt es auch diverse Linien jenseits des 10. Grades.
Trotz des schönen Felsens werden wegen der überwiegend abenteuerlichen Absicherung viele Routen nur wenig geklettert. Aber vielleicht ist es gut so, es muss nicht immer Plaisir sein, dann wäre der Berg sicher überlaufen. An der Roten Wand ist man meist alleine unterwegs, somit ist es auch ein Gebiet für Einsamkeits-Fanatiker.
Schwierigkeit in der Via Cosima
Überwiegend +/-5, je nach Varianten bis zum 6. Grad (5+ obligatorisch)
Absicherung
Die Stände sind gebohrt, dazwischen befinden sich wenige Klebe- und Normalhaken. Es kann immer wieder mit Keilen, Friends und Schlingen zwischengesichert werden.
Ausrüstung
50-Meter-Doppelseil, 10 Exen, Keile und Friends in allen Größen, Schlingen, Abseilausrüstung
Ausgangspunkt
Lech am Flexenpass. Man fährt über die Mautstraße entweder vor 8 Uhr morgens oder nach 16:30 Uhr mit dem PKW zum Formarinsee hinauf (der regelmäßige Busverkehr darf tagsüber auf der schmalen Straße nicht behindert werden). Kurz davor befindet sich ein geräumiger Parkplatz mit Übernachtungsmöglichkeit.
Zustieg
Vom Parkplatz über eine Wiese leicht nach rechts, bis man auf einen Wanderweg trifft. Den Pfad ein gutes Stück weiter, später mehr oder weniger weglos rechtshaltend auf den der Roten Wand vorgelagerten, breiten Rücken. Hier etwas absteigen und über eine Senke zum rechten Wand-Drittel hinauf. Der Einstieg befindet sich weit links des mächtigen roten Wandabbruchs am Fuße der unübersichtlichen Verschneidung. Vom Parkplatz ca. 1,5 bis 2 Stunden.
Abstieg
Wer durch die ganze Wand steigt, muss im oberen Teil mit brüchigem Fels rechnen. Dazu ist der weitere Abstieg teils kompliziert und zeitaufwändig. Es empfiehlt sich, nach der 7. Seillänge über die Aufstiegslinie wieder abzuseilen.
Übernachtung
Am Parkplatz Formarinsee oder auf der nahegelegenen Freiburger Hütte www.freiburger-huette.at
Literatur
Kletterführer Vorarlberg www.panico.de
Webinfo
www.alpinschnecke.at
bergsport.life
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