Zugegeben, es müssen schon ein paar Schweißtropfen geopfert werden, um an dieses Juwel zu gelangen. Doch wer den schlappen Zustieg von 2 Stunden auf sich nimmt, wird mit einem sagenhaften Ambiente auf 2500 Meter Meereshöhe belohnt. Die Rede ist vom türkisgrünen „Lägh dal Lunghin“, der von Granitplatten, herumliegenden Blöcken und steilen Felswänden gesäumt wird.
Aus gutem Grund sind hier nicht wenige Wanderer und Trailrunner anzutreffen – die ganz Harten lassen es sich nicht nehmen, in den kalten See zu hüpfen. Der Blick nach Süden weckt die Sehnsüchte der Alpinisten: Die Bernina mit dem Biancograt ist eine Schau und weiter westlich davon sticht das Bergell mit dem Piz Badile hervor. Viele Argumente, um dieser tollen Gegend einen Besuch abzustatten.
Das hintere Seeufer wird an seiner rechten Seite von einer ca. 100 Meter hohen Granitwand abgeschottet, wo einheimische Bergführer ein kleines Kletter-Eldorado geschaffen haben. Der Aufwand war groß, denn immerhin sind hier 13 Linien mit jeweils bis zu 4 Seillängen entstanden. Sie enden auf einem großen Grasband, wo auch mal geweilt und die Aussicht genossen werden kann.
Es handelt sich um Routen in den mittleren Schwierigkeitsgraden, dennoch sind manche Seillängen fordernd und zwingend zu klettern. Am linken Rand gibt es aber auch leicht geneigte Plattenfluchten, die an’s Eldorado am Grimselpass erinnern. Der gut strukturierte Gneis ist kompakt und bietet viele schöne Klettermeter. Von leicht bis schwer kann hier jeder einen Tag lang in seinem Niveau klettern.
Wem das Gipfelerlebnis fehlt, dem sei der nahegelegene Fast-Dreitausender Piz Grevasalvas empfohlen. Auf der fotogenen Berggestalt ist das Panorama noch umfassender. Seine Südseite wird von einem Pfeiler durchzogen, der bereits in den 1960er-Jahren mit bescheidenen Mitteln erstbegangen und mittlerweile sanft saniert wurde.
Der Fels und die Absicherung besitzen eher alpinen Charakter, dafür ist die Kletterei um einiges leichter als die Linien unten am Lägh dal Lunghin. Für Abwechslung ist gesorgt: Der Grevasalvas-Pfeiler bietet Platten, Verschneidungen und nach obenhin eine luftige Gratschneide. Ein geeignetes Ziel für alpin-ambitionierten Kletterer, die im oberen Engadin unterwegs sind.
Mehrseillängen-Routen am Lägh dal Lunghin
Es gibt insgesamt 13 Routen im Schwierigkeitsgrad 4b bis 6b, der angegebene Grad muss beherrscht werden. Die Absicherung mit Bohrhaken ist ausreichend bis gut, gelegentlich können auch Friends gelegt werden. Dazu sollten 10 Exen und ein 50-Meter-Doppelseil im Gepäck sein. Abseilen über die Routen.
Grevasalvas-Pfeiler
Überwiegend 4b bis 5a, gelegentlich leichter, maximal 5a+ (4c obligatorisch). Die Route ist ausreichend abgesichert. Trotz vorhandener Bohrhaken ist es ratsam, Keile und Friends mitzuführen, außerdem ein 60-Meter-Seil und 8 Exen. Es empfiehlt sich entlang der Route abzuseilen, da der Fußabstieg etwas abenteuerlich ist.
Ausgangspunkt
Oberengadin. Am Westende des Silsersees befindet sich ein geräumiger Parkplatz auf der gegenüberliegenden Straßenseite.
Zustieg
Man folgt dem beschilderten Wanderweg zum Lägh dal Lunghin hinauf (ca. 2 Stunden). Um in den Mehrseillängen-Klettergarten zu gelangen wird der See von rechts umrundet (ca. 15 Minuten). Der Grevasalvas-Pfeiler befindet sich rechts davon. Man erreicht den Einstieg über ein steiles Schuttfeld (ca. 30 Minuten vom Lägh dal Lunghin).
Literatur
Kletterführer Schweiz Plaisir Ost klettern-shop.de
Webinfo
www.thecrag.com
www.gipfelbuch.ch
www.hikr.org
www.holzding.ch
Bildgalerie

