„Sonnenzeit“ an der Ehrwalder Sonnenspitze

0
(0)

Vom Fernpass aus gesehen erscheint die Ehrwalder Sonnenspitze als riesige Pyramide, deren Schatten morgens formschön auf die kleine Ortschaft Biberwier fällt. Die Westwand lag lange Zeit im Dornröschenschlaf, bis 2005 Wolfgang Mayr und Hannes Boneberg die „Sonnenzeit“ erstbegingen. Mit 1400 Höhenmeter bis zum Gipfel bietet sich hier ein tagesfüllendes Programm, das man incl. Abstieg abends sicher in den Beinen spürt.

Aus der Ferne betrachtet, sieht man es der Wand nicht an, dass die Kletterei in der „Sonnenzeit“ mit einzelnen Stellen bis zum 6. Grad überraschend einfach ist. In der Mitte ist sogar eine großflächig schrofige Flanke eingelagert, die behutsames Höhersteigen erfordert, um nachfolgende Seilschaften nicht zugefährden. In den steileren Bereichen ist der Fels jedoch richtig gut, so wie man es in den Kletterrouten rund um die nahegelegene Coburger Hütte gewohnt ist.

Hat man den schweißtreibenden Zustieg von 2 Stunden endlich hinter sich gebracht, wird man über weite Strecken mit plaisirverdächtiger Plattenkletterei belohnt. Zumindest was den Fels betrifft. Denn die Absicherung ist in der Tour eher alpin angehaucht und die Wegfindung im leichteren Gelände nicht immer ganz eindeutig. Die Erstbegeher bestückten einige Haken mit kleinen Schlingen, um sie im Aufstieg besser finden zu können. Die schweren Passagen im 5. bis 6. Grad sind hingegen „ausreichend“ gesichert. Dennoch bedarf es gelegentlich einer gewissen „Vorstiegsmoral“, um den nächsten Fixpunkt sicher zu erreichen.

Was die Schwierigkeiten betrifft, ist die Tour etwas unhomogen, da man immer wieder auf leichtere Seillängen im 3. bis 4. Schwierigkeitsgrad und schrofige Abschnitte trifft. Die „Sonnenzeit“ ist dennoch eine lohnende Unternehmung: man ist doch eine Weile unterwegs, um die 16 Seillängen in der unübersichtlichen Wand zu bewältigen. Der Ausstieg endet am südlichen Normalweg, der in weiteren 20 Minuten auf den Gipfel führt. Es bietet sich hier auch die Möglichkeit an, über den Südgrat mit Passagen bis zum 5. Grad auf die Erwalder Sonnenspitze weiterzusteigen.

Nach der Klettertour ist aber noch lange kein Ende in Sicht. Beim Abstieg über den südlichen Normalweg ist Vorsicht geboten, da es sich um steiles, teils speckiges oder schottriges Gelände im 2. bis 3. Schwierigkeitsgrad handelt. Wer hier stürzt, findet keinen Halt mehr und landet in den tiefergelegenen Schluchten. Aber keine Angst, hier gibt es auch einige Abseilstände. Etwas leichter ist der Abstieg über den nördlichen Normalweg. Dies ist jedoch ein größerer Umweg, um zurück zur Biberwierer Scharte zu gelangen (es sei denn man übernachtet auf der Coburger Hütte). Und schließlich sind es immer noch 1,5 Stunden Fußmarsch zurück ins Tal nach Biberwier.

Trotz der überwiegend moderaten Schwierigkeiten ist in der Tour alpine Erfahrung vorteilhaft. Die Orientierung ist nicht immer ganz einfach und wer hier in den Nebel gerät, findet sich in der Weitläufigkeit der Wand nur schwer zurecht. Deshalb ist es ratsam, nur bei guten Wetter einzusteigen. Das Abseilen ist zumindest im oberen Bereich nur unangenehm möglich, auch wegen der potentiellen Steinschlaggefahr. Wir hatten eine viel zu langsame Seilschaft hinter uns, die beim Abstieg sicher in die Dunkelheit geriet. Somit war der Rückweg über den südlichen Normalweg wegen mangelnder Orientierung für sie auch mit Stirnlampe praktisch unmöglich.

Im Gesamten ist die Tour sehr lohnend, auch wenn es sich oft um leichtere Kletterei handelt. Was hier zählt sind die Länge, Abgeschiedenheit und das Ambiente in der Wand, samt Tiefblick auf den Lermooser Talkessel. Die „Sonnenzeit“ ist eine gute Möglichkeit, um sich an eine „moderate“ Longline ranzutasten und für erfahrene Alpinisten sicher kein Problem. Wer noch dazu auf der Coburger Hütte übernachtet, findet viele weitere lohnende Kletterziele in diesem für die Gegend typischen Edelfels …

Schwierigkeit

Überwiegend 4 bis 5, gelegentlich leichter. Zwei Seillängen im 6. Grad. 6 obligatorisch

Weitere Details

Wandhöhe: ca. 500 m

Kletterstrecke: ca. 700 m

Absicherung

Die Route ist ausreichend mit Bohrhaken in etwas weiteren Abständen abgesichert. In den schweren Passagen sind die Hakenabstände etwas enger. In wenigen Fällen können Friends oder Schlingen gelegt werden. Die Haken sind zur Orientierung gelegentlich mit Schlingen versehen.

Ausrüstung

60-Meter-Einfach- oder Doppelseil. 12 Exen, Schlingen, evtl. ein paar mittelgroße Friends.

Talort

Biberwier am Fernpass. Der Parkplatz befindet sich am oberen Ortsende beim Hotel „My Tirol“.

Zustieg

Es empfiehlt sich ein Stück mit dem Bike zu fahren. Vom Parkplatz entlang der Beschilderung Richtung Biberwierer Scharte. Das Bike kann nach ca. 1,5 km bei einer markanten Wildfütterung deponiert werden. Nun weiter durch den Wald bis zu den großen Geröllhalden hinauf. Zu Beginn einer deutlichen Rechtsquerung wird der Pfad nach links verlassen. Über den unwegsamen Schotter hinauf, später linkshaltend zum Einstieg (Haken) auf einem Absatz. Vom Parkplatz ca. 2 Stunden.

Abstieg

Die Route endet am südlichen Normalweg. Von hier kann in ca. 20 Minuten noch weiter auf den Gipfel gestiegen werden. Der Abstieg über den südlichen Normalweg führt durch steile, teils schottrige Rinnen und verlangt nochmals konzentriertes Klettern im 2. bis 3. Schwierigkeitsgrad. Es sind hier aber auch Abseilstände vorhanden. Zur Biberwierer Scharte ca. 1. Stunde. Von hier in ca. 1, 5 Stunden zurück zum Ausgangspunkt.

Stützpunkt

Für einen längeren Aufenthalt eignet sich die nahegelegene Coburger Hütte www.coburgerhuette.at

Topos

Kletterführer Wetterstein Süd www.panico.de

Webinfo

www.krxln.de

www.danielschroeer.de

www.hikr.org

www.draussen-unterwegs.de

cdn.website-editor.net

Bildgallerie

Wie hat dir die Tour bzw. das Klettergebiet gefallen?

Klicke für eine Bewertung!

Durchschnittliche Bewertung. 0 / 5. Anzahl der Bewertungen. 0

Es gibt bisher keine Bewertung! Sei der erste, der sie bewertet.