Jürgen Vogt

Aus dem Leben einer Allgäuer Bergsteiger-Legende

„Runterfallen kann ein jeder A…, wieder heimkommen musst du …“ hat einmal einer seiner Bekannten gesagt. Der Jürgen, alias Vogte, ist zwar oft runter gefallen, aber stark, ausdauernd und clever wie er war, hat er es immer wieder geschafft, trotzdem zu überleben. „Den will net mal der Deifi holen“, so beschrieb man den Vogte, der in den 60er und 70er Jahren einer der fähigsten Felskletterer und Alpinisten im deutschsprachigen Raum und weit darüber hinaus war.

Jürgen Vogt bestieg eine Unzahl von schwierigen und schwierigsten Routen, teilweise im Alleingang, einige Erstbegehungen und absolvierte dazu große Auslandsfahrten. Seine Tourenliste gleicht einem Streifzug durch die Alpingeschichte der damaligen Extrem-Touren, und es gibt nicht viele, die da mithalten können. Doch der Vogte hat das nie an die große Glocke gehängt. Es ging ihm viel mehr um die eigene Leistung und dem Bergerlebnis. So wurde er im Laufe seines Lebens lediglich in Insiderkreisen bekannt.

Seine ersten Kletterfahrungen machte er im Blautal, Donautal und in den Tannheimer Bergen, bald darauf ging es in die großen Wände der Alpen:

1971 die 101. Begehung der Eiger-Nordwand und im gleichen Jahr noch den Freney-Pfeiler am Mont Blanc, mit Zustieg über die Aig. Blanche Nordwand. An der Matterhorn Nordwand ist er nach einem Wettersturz incl. 3 Biwaks mit Erfrierungen an den Händen und Füßen völlig erschöpft wieder im Tal angekommen. Und den Walker-Pfeiler an den Grand Jorasses machte er ganz nebenher, ohne besondere Vorkommnisse … Die klassischen vier Nordwände: damals zählten diese Touren zum schwierigsten, was die Alpen zu bieten hatten.

Der Vogte war seinerzeit nicht nur im kombinierten Gelände ein Ass, seine große Stärke lag vor allem im Felsklettern:

So gelangen ihm u. a. die 5. Begehung der Phillip-Flamm-Führe und die Solleder, beide an der Civetta. Dazu kommen 8 Routen an der Marmolada Südwand, in der Aste-Führe musste er nach einem aufkommendem Schneesturm in der Ausstiegschlucht biwakieren. Am nächsten Tag blieb der Seilschaft nur noch der Rückzug über die winterliche 800-Meter-Wand mit insgesamt 6 Haken … Es folgten weitere Routen am Heiligkreuzkofel, Crozzon die Brenta, der Hasse-Brandler an der Großen Zinne, dem Torre Trieste usw. Dies ist nur eine kleine Auswahl seiner Extrem–Touren in den Dolomiten.

In den Nördlichen Kalkalpen absolvierte er unter anderem Alleingänge an der Totenkirchl-Westwand und Schüsselkarspitze (Knapp-Köchler) sowie zahlreiche weitere Linien mit Seilpartnern an der Laliderer Nordwand, im Wilden Kaiser usw. Am Waxensteiner Turm ist er mit einem Scheebrett abgegangen und hat sich dabei das Fersenbein gebrochen. Der Abstieg erfolgte am nächsten Tag ohne fremde Hilfe zurück ins Tal.

Zu seinen großen Leistungen zählen aber auch schwierige Erstbegehungen, wie der Drachentanz am Grünstein sowie die Tajakopf Westwand in den Miemingern, die Südpfeiler an der Maukspitze und Karlspitze, „Feuer und Flamme“ am Westlichen Meisulesturm, die Westwand am Mühlsturzhorn sowie einige Routen an der Weidringer Steinplatte usw. Am Leuchsturm im Wilden Kaiser hat er sich bei einem schweren Sturz einen Zeigefinger abgerissen, was sein Können in der Folgezeit jedoch kaum beeinträchtige. Und wer sich in den Tannheimer Bergen auskennt: Die „Don Camillo“ an der Roten Flüh geht ebenfalls auf sein Konto …

Die Hochzeitsreise führte ihn schließlich nach Nepal (mehrere Sechstausender), danach folgten weitere Reisen in den Hindukusch: Er hat den Noshag (7450 m) erstmals von der pakistanischen Seite durch die 2500 m hohe Südflanke, und die Chogolisa (7640 m) jeweils im Alleingang bestiegen. Die beiden Siebentausender stellten eine grandiose Leistung dar, zumal er alles im Westalpenstil mit damals bescheidener Ausrüstung, ohne künstlichem Sauerstoff, ohne Träger und ohne Zelt durchgestanden hatte.

Von der Half Dome Westwand im Yosemite bis hin zum Besuch zahlreicher Mittelmeer-Klettergebiete ganz zu schweigen. Dies ist nur ein kleiner Einblick in sein reichhaltiges Tourenbuch anpruchsvoller Unternehmungen.

Der Vogte war und ist immer noch in jeder freien Minute in der Bergen unterwegs. Genauer gesagt, jeden Tag. Sei es bei Nebel mit dem Bike um den Rottachspeicher, oder im Winter unweit seines Wohnsitzes mehrere Tage in Folge auf das Wertacher Horn. Und wenn sonst gar nichts mehr geht, ist er in einer Kletterhalle anzutreffen …

Zu seinem 60. Geburtstag war ich mit ihm am Salbit-Westgrat in den Urner Alpen unterwegs. Was das Klettern betraf, steckte er mich damals immer noch locker in die Tasche. Durch die Folgen seiner zahlreichen Kletter- und Gleitschirm-Unfälle waren wir in der 36-Seillängen-Tour jedoch viel zu langsam. Wir mussten im oberen Drittel biwakieren und der letzte Schluck Wasser diente dazu, seine Schmerztabletten einzunehmen. An‘s Schlafen war trotzdem kaum zu denken, so erzählte mir der Vogte seine wilden Berggeschichten die lange Nacht hindurch.

An ein paar Storys erinnere ich mich noch genau: bei einer Solotour im Klettergarten Bachtelweiher versagte ihm das Sicherungsgerät und er landete am Boden bzw. schwerverletzt im Krankenhaus. Nach zwei Wochen bevorzugte er die Genesungszeit im Velebit-Gebirge, wo er mit Gips im Nachstieg bereits wieder die ersten Touren kletterte. Beim Flug in die Türkei musste er dem Sicherheitspersonal seine Handsäge abgeben, die er zum Freisägen der Gleitschirm-Startplätze benötigte. In Bolivien ist er mit dem Gleitschirm aus einer Höhe von 5000 m abgestürzt und bei Canazei in eine Starkstromleitung geflogen. Unglaublich, was dieser Typ alles überlebt hat …

Doch zurück zum Westgrat: am nächsten Tag standen wir gegen Mittag übermüdet aber gut gelaunt auf der Gipfelnadel des Salbitschijen …

Wer eine Bergtour auf den Spießer in den Allgäuer Voralpen unternimmt kann sich fast sicher sein, den Jürgen Vogt auf dem Gipfel anzutreffen. Dort packt der heutzutage nun schon über 80jährige in aller Ruhe seinen Gleitschirm aus, beurteilt die Thermik und unterhält sich ganz nebenbei ausgelassen mit den Wanderern. Unzählige Flüge sind es mittlerweile, die er seit dem Aufkommen des Gleitschirm-Sports absolviert hat. Und wie durch ein Wunder hat er auch den Start vom Eiger bei fragwürdiger Thermik überlebt. Wie die Katze, 7 Leben braucht der Mensch …

Weitere Infos siehe:

http://www.alpenverein-bayerland.de/module_requirements/bayerlaender/2011/pdf/5.%20Kapitel%20S.%20533-535.pdf

http://www.alpinwiki.at/portal/navigation/erst-besteiger/erstbesteigerdetail.php?erstbesteiger=7430