„Besser leben mit M.“ am Kenzenkopf

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Im Naturschutzgebiet der Ammergauer Berge gelegen, ist die Kenzenhütte für Wanderer, Biker und Kletterer ein beliebtes Ziel für eine Vielzahl von Unternehmungen. Dank des regelmäßig verkehrenden Kenzenbus, kann man die schweißtreibenden 12 Kilometer auch direkt bis zur Hütte hochfahren. Wenige Minuten Fußmarsch weiter nähert man sich überraschend schnell der Ammergauer Hochplatte und gleich darauf den Südwänden des Kenzenkopfes.

Die Felsqualität ist in der Kenzengegend wie in den gesamten Ammergauern vom Feinsten, doch die Kletterrouten meist anspruchsvoll. Die Kompaktheit des Gesteins reicht bis zu großflächigen Plattenzonen hin und lässt (leider) keine einfacheren Linien zu. Sobald man sich in leichtes Gelände begibt, ist mit Schrofen zu rechnen. Der Ostallgäuer Markus Lutz (siehe www.alpinwiki.at) hat am Kenzenkopf ein paar Routen erstbegangen, die seinem damaligen Mut samt Können entsprechen: mit weiten Hakenabständen und zwingenden Kletterpassagen jenseits der 7er-Grenze ist zu rechnen. Die „Via Anarchia“ ist für den geübten Durchschnittskletterer noch die Gängigste seiner Kreationen am Kenzenkopf. Wer den unteren 7. Grad drauf hat, sollte sich die Tour nicht entgehen lassen …

Schon mehrmals bin ich den landschaftlich reizvollen Wanderweg von der Kenzenhütte hinüber Richtung Geiselstein gegangen. Und immer wieder schweifte der Blick auf den linken Wandbereich des Kenzenkopfes: lange Verschneidungen und kompakte Plattenfluchten machten mich neugierig, bis ich irgendwann mal unter der Wand stand. Der Blick nach oben: diagonale, gestufte Verschneidungen ragten wie hinbetoniert gegen den blauen Himmel, rein optisch alles wunderbar, aber wie bekommt man hier eine kletterbare Linie hin? Später stellte sich heraus, dass die erste Seillänge mit akrobatischen Zügen im oberen 7. Grad gut machbar ist.

Es musste erstmal ein Winter vergehen, bei dem ich im warmen Wohnzimmer das Wandbild zigmal herzoomte und mir eine mögliche Linie zusammenreimte. Pfingsten 2021 war der Plan dann nicht mehr aufzuhalten. Mit Chris Runzer und Uwe Schneider legte ich eine Fixseilkette durch die gesamte Wand, danach begann die übliche Feinarbeit: wo sind die besten Klettermeter, wo verläuft eine möglichst homogene Linie, wie umgehe ich grasige Zonen? Nach 3 Tagen anstrengender Tüftelei war die Route vollendet und das erste Sommer-Gewitter jagte uns zeitgleich aus der Wand …

Eine gute Tour zu kreieren ist meist Glücksache, was der Fels eben hergibt. Doch der Einsatz hat sich hier gelohnt: am Kenzenkopf ist eine sehr schöne Alpine Sportkletter-Route entstanden, die kaum Wünsche offen lässt. Die Linie verläuft vielfältig über mehr oder weniger griffige Verschneidungen, kompakten Plattenpassagen und steilen Aufschwüngen. Der Fels ist überall megarau, sodass ich an einer messerscharfen Dachkante eine Blechschiene schrauben musste, damit das Seil im Falle eines Sturzes unbeschädigt bleibt. Grasige Passagen wurden ausgeputzt oder geschickt umgangen, somit verläuft die Tour nun homogen über kompakte Felsbereiche.

Nach 6 Seillängen endet die „Besser leben mit M.“ auf dem breitgezogenen Kamm des Kenzenkopfes. Vom letzten Stand kann perfekt über die Tour wieder abgeseilt werden, die Standplätze sind gut geschützt. Sehr empfehlenswert ist jedoch die Kraxelei nach links über den exponierten Grat, der zum Hauptgipfel hinüberführt. Das rundet die Tour noch etwas ab. Von hier kann bequem über den Normalweg zurück zum Ausgangspunkt abgestiegen werden.

Wer in der Gegend längere Zeit bleiben möchte, kann auf der schön gelegenen Kenzenhütte übernachten. Sie ist ein geeigneter Stützpunkt, um weitere Kletterrouten

– am Kenzenkopf (z. B. „Via Anarchia“)
– an der Ammergauer Hochplatte (z. B. „Die bezaubernde Jeannie“)
– am Peissenberger Alpin-Klettergarten (diverse Routen)
– an der Krähe (diverse Routen)
– oder am legendären Geiselstein (diverse Routen)

zu unternehmen.

„Besser leben mit M.“ im Detail

1. Seillänge

Gleich zu Beginn führt die Tour über diagonal gestufte Verschneidungen zu einem Absatz hinauf. Eine gute Stütz- und Tritt-Technik ist auf den haltlosen Platten vorteilhaft. (7/7+)

2. Seillänge

Sie beginnt mit einem leicht überhängenden Wändchen, das sich an relativ guten Griffen bezwältigen lässt. Danach legt sich die Wand wieder etwas zurück und führt u. a. über eine knifflige Plattenstelle nach rechts unter einen geschützten Überhang. (7-/7)

3. Seillänge

Man klettert nach links aus dem Überhang heraus und gelangt in eine elegante Verschneidung, die sich sehr schön mittels Piaz-Technik bewältigen lässt. Danach verlässt man die Verschneidung nach links in eine kleingriffige Platte, die auf einen Absatz führt. (6/6+)

4. Seillänge

Zu Beginn nach links über eine steile, knifflige Wandstufe auf eine plattige Rampe. Mehr oder weniger großen Griff- und Trittmöglichkeiten führen zu einem kleinen Überhang hinauf. Danach linkshaltend, unter einer Latsche entlang zum nächsten Stand. (6+/7-)

5. Seillänge

Immer leicht rechtshaltend über eine kompakte Platte, anschließend nach links auf einen grasigen Absatz. Die längste Seillänge in der Tour, trotzdem ohne Seilzug gut machbar. (6+/7-)

6. Seillänge

Eine kurze Verschneidung führt nach rechts auf eine steile Platte. Danach linkshaltend zum letzten Stand mit Wandbuch. Von hier 2 Meter nach rechts zum Gipfelkamm aussteigen. (6+/7-)

Die Schwierigkeiten zusammengefasst

Die Tour bewegt sich homogen im 6. bis 7. Schwierigkeitsgrad und ist nur an wenigen Stellen etwas einfacher. Maximal 7+ bzw. 6 obligatorisch.

Absicherung

Die Route ist sportkletterähnlich perfekt mit Bohrhaken eingerichtet. Es werden keine Keile bzw. Friends benötigt.

Ausrüstung

Es kann mit einem 50-Meter-Einfachseil geklettert werden. Wer wieder über die Tour abseilen möchte, benötigt ein 60-Meter Doppelseil. Es werden ca. 12 Exen benötigt.

Wandhöhe

Ca. 180 Meter bzw. 6 Seillängen

Exposition

Die Wand ist südseitig ausgerichtet und bietet bis zum späten Nachmittag Sonne.

Ausgangspunkt

Wanderparkplatz zur Kenzenhütte zwischen Buching und Halblech im Ostallgäu.

Kenzenbus

Es kann mit dem Kenzenbus (oder mit dem Bike) 12 Kilometer bis zur Kenzenhütte (1300 m) hinauf gefahren werden. Am Wochenende ist die erste Bergfahrt um 07:00 Uhr, die letzte Talfahrt um 17:30 Uhr. Siehe www.halblech.de

Zustieg

Von der Kenzenhütte entlang der Beschilderung linkshaltend durch den Wald Richtung Kenzensattel. Nach einer Holzbrücke, die auf einer Ebene über einen Bach führt, leitet der Wanderweg nach rechts zwischen Ammergauer Hochplatte und Kenzenkopf zum Kenzensattel hinauf. Schon bald wird auf der rechten Seite über einem markanten Blockfeld die rechte Südwand des Kenzenkopfes sichtbar. Man geht jedoch noch ein gutes Stück weiter, bis von rechts ein Geröllfeld herabzieht. Hier teilweise mühsam geradeaus empor bis der Wandfuß erreicht wird. Der Einstieg befindet sich bei den gestuften Verschneidungen, die diagonal nach rechts empor ziehen. Von der Kenzenhütte ca. 1 Stunde.

Abstiege

Abseilen über die Route

Die Stände sind mit Ketten zum Abseilen eingerichtet. Es kann jeweils ein Standplatz übersprungen werden. Nach 3 Abseil-Längen ist man wieder am Einstieg zurück. 60-Meter-Doppelseil erforderlich!

Abstieg über den Normalweg

Vom Ausstieg der Tour nach links über den exponierten Grat hinüber zum Gipfel des Kenzenkopfes (Stellen im 2. Schwierigkeitsgrad). Der Normalweg führt zurück zum Kenzensattel, anschließend nach links zurück zur Kenzenhütte. Ca. 45 Minuten. Wer die Rucksäcke am am Wandfuß deponiert hat, kann im oberen Bereich des Normalwegs nach links über einen steilen Grashang zurück zum Einstieg gelangen (siehe Übersicht: Schnellabstieg). Ca. 15 Minuten zurück zum Einstieg.

Unterkunft bzw. Einkehr

Es bietet sich die Übernachtung und Einkehr auf der Kenzenhütte (1300 m) an. Siehe kenzenhuette.de

Bildgallerie

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8 Gedanken zu „„Besser leben mit M.“ am Kenzenkopf“

  1. Hallo Albert,
    schön von dir zu hören! Das freut mich sehr, dass dir die Tour gefallen hat! Ja klar, rechts daneben kannst du auch schon einsteigen. Die Tour ist aber um einiges anspruchsvoller, als die „Besser leben mit M.“ Panikexe nicht vergessen!
    Viele Grüße von Pat

    Antworten
    • Hi Pat, danke für die rasche Antwort! Ja – „Besser leben mit M.“ hat mir supergut gefallen und ist in meinen Augen das Beste weit und breit in dem Grad, mit der Felsqualität und der Absicherung. Auch die Klarheit der Linienführung ist bestechend. Wieder perfekt gefunden/geplant/gemacht von dir/euch!
      Sobald das Wetter will, werde ich in der Tour rechts daneben schauen, wie weit ich da nach oben kommen mag:)
      Viele Grüße von Albert
      PS: Um evtl. Missverständnisse zu vermeiden: Die 14 Exen in meinem letzten Kommentar beziehen sich auf die „Besser leben mit M.“

  2. Hi Pat,
    darf man die rechts von der M. verheißungsvoll glänzenden Silberlinge eigentlich auch schon benutzen?
    Schaut auch klasse aus, die Linie!
    Albert 🙂

    PS: Falls wir uns nicht verzählt haben, kann man in SL 1 und 5 jeweils 14 Exen brauchen.

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  3. Schöner klettern mit P. 🙂
    Was für eine wunderbare Tour! Vom ersten Meter an das reinste Vergnügen. Herzlichen Dank nicht nur für diese, sondern auch all die anderen in den vielen letzten Jahren.
    Sonnige Grüße, Albert

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  4. Servus Ludwig,
    woaßt, wir haben uns deinen Vater gut hergezogen, sowas hat er jetzt locker drauf …
    Ich wünsch euch viel Spaß in der Tour!
    Viele Grüße von Pat

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  5. Servus Pat,

    wusste gar nicht das mein Vater eine 7+ klettert. Freu mich schon aufs Wochenende wenn er mir das mal zeigt.

    Gruß

    Ludwig

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