„Du da, ich hier“ am Kenzenkopf

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Kennengelernt haben wir den Erik in „Neuhaus“, einem genialen Sportklettergebiet im Berner Oberland. Während bei uns nach der 8. Route Feierabend war, machte der Schwarzwälder munter weiter und hakte sämtliche 6abc-Routen ungebremst in einem der vielen Sektoren ab. Daniel hielt mit ihm Kontakt, so waren sie später in einigen Allgäu-Klassikern unterwegs. Im Sommer 2021 kam bei den beiden der Wunsch auf, eine neue Kletterroute zu erschließen. Zur gleichen Zeit war ich noch in meinem Projekt „Besser leben mit M.“ am Kenzenkopf in den Ammergauer Bergen zugange. Ich gab ihnen den Tipp, dass rechts daneben noch eine weitere Linie machbar wäre und es dauerte nicht lange, bis sie hier aktiv wurden.

Der Fels ist da an einigen Stellen wesentlich geschlossener, gelegentlich auch unübersichtlich, ohne natürlichen Linien versehen. Die plattige Einstiegslänge, eine schrägverlaufende Verschneidung, sieht zwar optisch unglaublich einladend aus, der Schwierigkeitsgrad ist jedoch unabschätzbar. Aus der Ferne betrachtet, gibt es weiter oben steile kompakte Platten, die ein großes Fragezeichen aufwerfen. Mir war klar, dass es schwierig wird einen kletterbaren Weg durch diesen steilen Wandbereich zu finden. Nicht umsonst hatte ich die „Besser leben mit M.“ weiter links davon eingerichtet.

Nochmal zum Team: Daniel verliert sich öfters darin in seiner Freizeit Lieder zu schreiben, er klettert aber auch ohne viel Training ad hoc einen 7er, wenn es sein muss. Für Erik, der in diesem Sommer fleißig auf seine Klausuren lernte, gilt das Gleiche: Klettern scheint nicht nur abhängig vom intensiven Training, sondern auch eine Frage des Talents oder sonstigen Fitness zu sein. Insofern war es für die beiden durchaus realistisch, sich in diese abweisende Wand zu begeben.

Ich stellte ihnen meine Ausrüstung zur Verfügung und das Ergebnis ließ nicht lange auf sich warten: nach 2-tägiger Bohr- und Putzarbeit war ihre Kreation „Du da, ich hier“ fertiggestellt. Am 3. Tag wurde nochmal gründlich nachgeputzt und gleichzeitig der erste zusammenhängend freie Durchstieg erprobt. Nach der Abseil-Aktion kamen sie bei Dunkelheit wieder am Einstieg an, ließen die Kenzenhütte links liegen, und marschierten anschließend 14 Kilometer ins Tal hinab. Die Einkehr beim Mc Donald’s in Füssen hatten sie sich nun redlich verdient …

Während der 3. Wiederholung ihrer Erstbegehung (da war doch tatsächlich schon eine Seilschaft am Vortag ohne Topo vor uns drin) erfuhr ich, wie sie einen kletterbaren Weg in der Wand fanden. Richtungsänderungen und Quergänge ermöglichten ihnen, die kompaktesten Zonen miteinander zu verbinden und kaum kletterbaren Passagen zu umgehen.

Obwohl man es der Wand von unten nicht ansieht, ist die Tour ist fast immer anhaltend steil und schwer. Auch in den 7er-Passagen muss trotz guter Absicherung immer wieder vom letzten Haken weggestiegen werden. In den etwas leichteren Seillängen sind die Abstände deutlich weiter, dies erfordert erfahrenes Klettern im 6. Grad, um den nächsten Fixpunkt bzw. Stand sicher zu erreichen. Dazu ist die Orientierung an wenigen Passagen nicht ganz klar, Erik und Daniel verzichteten dabei auf richtungsweisende Haken nach dem Motto: „das kann man auch im Topo nachlesen“.

Es handelt sich um eine reine Freiklettertour und man sollte den angegebenen Schwierigkeitsgrad gut beherrschen. Und der ist nach meinem Geschmack eher streng bewertet. Wer hier mit „nullen“ anfängt wird nicht glücklich, weil es gleich danach wieder anspruchsvoll zur Sache geht. Aber keine Sorge: wer die erste Seillänge hochkommt, hat die Eintrittskarte für den Rest der Tour. Und wer dies nicht schafft, kann immer noch abseilen und in die benachbarte, weitaus humanere „Besser Leben mit M.“ einsteigen.

1. Seillänge:

Entweder über schrofiges Gelände 10m senkrecht zum ersten Haken aufsteigen oder von links über das Grasband in die 1. SL einsteigen. Zunächst durch die gut gesicherte Verschneidung bis zum 5. Haken. Dort beginnt die plattige Querung nach rechts mit einer kleingriffigen Passage. Hier sich nicht verleiten lassen weiter in der schräg nach rechts oben verlaufenden Verschneidung zu bleiben, sondern unterhalb des Hakens queren. Die letzten Meter vor dem Stand steilt es noch einmal auf. Der Stand befindet sich ca. 2m über dem letzten Haken.

2. Seillänge:

Vom Stand weg nach links über eine steile Wandstelle. Dabei knapp links vom 2. Haken geradeaus hoch zum nächsten Haken über dem schmalen Grasband. Es folgt leichtere Wandkletterei und der Beginn des Risses, der sich auch in der 3. SL fortsetzt.

3. Seillänge:

Direkt vom Stand weg schöne Kletterei entlang des Risses, der nach einigen Metern in eine Verschneidung übergeht. Gut gesichert erreicht man die Schlüsselstelle der Tour: Ein leicht überhängender Untergriffriss mit hoch sitzenden Tritten. Sobald die Füße über dem Absatz stehen, erreicht man den Stand in leichterem Gelände.

4. Seillänge:

Zunächst in leicht unübersichtlicher Wandkletterei senkrecht nach oben, dann folgt ein kurzer, leicht ansteigender Anstieg in schrofigem Gelände nach links zu einer Platte mit zwei Haken, die schräg nach rechts oben durchstiegen wird.

5. Seillänge:

Einfacher Quergang nach rechts, danach durch die kurze griffarme Verschneidung gerade empor. Der folgende Haken ist erst spät erkennbar und sitzt über dem kleinen Absatz in direkter Linie zum vorherigen Haken in der Verschneidung. Danach nur wenig nach links queren (nicht bis zur Verschneidung über dem großen Block), bevor es gerade hoch zum nächsten Haken geht.

6. Seillänge:

Die große Platte wird durch eine Linksquerung auf schmalen Bädern bis zu einer kurzen Steilstufe erklettert. Im Übergang von der Platte zur Steilstufe helfen gute Untergriffe. Um die Steilstufe wieder ins plattige Gelände verlassen zu können, muss hoch angestanden werden, um die Leiste rechts vom Haken erreichen zu können. Es folgt eine weitere plattige diesmal einfachere Querung bis zum Beginn der großen Verschneidung, die nach 4m senkrecht zum Stand verlassen wird.

Schwierigkeit

Die Tour bewegt sich homogen im 6. bis 7. Schwierigkeitsgrad und ist nur an wenigen Stellen etwas leichter. Maximal 7+ bzw. 7 obligatorisch. Die Bewertung der Erstbegeher ist eher untertrieben. Es könnte auch in jeder Seillänge ein halber Grad dazugerechnet werden.

Absicherung

Die Route ist ausreichend bis gut mit Bohrhaken eingerichtet. Zwischen den Haken ist Klettern angesagt. In den Rissen und Verschneidungen können gelegentlich mittelgroße Friends dazu gelegt werden.

Ausrüstung

Es kann mit einem 50-Meter-Einfachseil geklettert werden. Wer über die Tour abseilen möchte, benötigt ein 60-Meter Doppelseil. Es werden bis zu 10 Exen benötigt.

Wandhöhe

Ca. 180 Meter bzw. 6 Seillängen

Exposition

Die Wand ist südseitig ausgerichtet und verspricht bis zum späten Nachmittag Sonne.

Ausgangspunkt

Wanderparkplatz zur Kenzenhütte zwischen Buching und Halblech im Ostallgäu.

Kenzenbus

Es kann mit dem Kenzenbus (oder mit dem Bike) 12 Kilometer bis zur Kenzenhütte (1300 m) gefahren werden. Am Wochenende erste Bergfahrt um 07:00 Uhr, letzte Talfahrt um 17:30 Uhr. Siehe www.halblech.de

Zustieg

Man folgt von der Kenzenhütte entlang der Beschilderung Richtung Kenzensattel. Nach einer Holzbrücke, die über einen Bach führt, leitet der Wanderweg nach rechts zwischen Ammergauer Hochplatte und Kenzenkopf zum Kenzensattel hinauf. Schon bald wird auf der rechten Seite über einem markanten Blockfeld die kompakte Südwand des Kenzenkopfes sichtbar. Man geht jedoch noch ein gutes Stück weiter, bis von rechts ein Geröllfeld herabzieht. Hier geradeaus empor bis zur Wand. Der Einstieg befindet sich bei den gestuften Verschneidungen, die diagonal nach rechts empor ziehen. Von der Kenzenhütte ca. 1 Stunde.

Abstiege

Abseilen über die Route

Die Abseilstände sind mit Schekel eingerichtet. Jeweils ein Stand kann übersprungen werden. Nach 3 Abseil-Längen ist man wieder am Einstieg zurück. 60-Meter-Doppelseil erforderlich!

Abstieg über den Normalweg

Vom Ausstieg der Tour nach links über den exponierten Grat hinüber zum Gipfel des Kenzenkopfes (Stellen im 2 bis 3. Schwierigkeitsgrad). Der Normalweg führt zurück zum Kenzensattel, anschließend nach links zurück zur Kenzenhütte. Ca. 45 Minuten. Wer die Rucksäcke am Einstieg deponiert hat, kann im oberen Bereich des Normalwegs nach links über einen steilen Grashang zurück zum Einstieg gelangen. Siehe Übersicht (Schnellabstieg). Ca. 15 Minuten.

Unterkunft bzw. Einkehr

Es bietet sich die Übernachtung und Einkehr auf der Kenzenhütte (1300 m) an. Siehe kenzenhuette.de

Bildgallerie

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2 Gedanken zu „„Du da, ich hier“ am Kenzenkopf“

  1. Hallo!
    An die Erstbegeher ein herzliches Dankeschön fürs Einbohren und danke an Pat für den ausführlichen Bericht!

    Der Aussage von Pat, dass die Route eher streng bewertet ist würden wir (Thomas und Mark, die erwähnte zweite Seilschaft) völlig beipflichten. Dies gilt unserer Meinung nach vor allem für die 1., 3. und letzte SL.

    Insgesamt eine tolle, abwechslungsreiche Route durch meist festen Fels!
    VG! Mark

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