„Jedem Tierchen sein Plaisirchen“ am Gimpel-Vorbau

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Im etwas versteckten Wandbereich der beiden Routen „Zeit zum Fädeln und Weizenglas“ waren für Tannheimer Verhältnisse immer relativ wenig Kletterer unterwegs. Der unangenehm schrofige Zustieg und die gelegentliche Selbstabsicherung an Sanduhren sorgte lediglich in der schönen „Zeit zum Fädeln“ für wenige Begehungen. Das „Weizenglas“ durch eine oft feuchte Schlucht ist nach wie vor für die alpin ambitionierten Kletterer interessant.

Vor geraumer Zeit entdeckte ich eine logische Zustiegsvariante über einen Vorbau in diesen kleinen Sektor. Wir nahmen die Linie in Angriff, erreichten eine schmale Scharte und kletterten über die „Zeit zum Fädeln“ hinauf zum schrofigen Grat des Gimpel-Vorbaus. Bei der anschließenden Abseilfahrt entdeckte ich im rechten Wandbereich schöne Felsfluchten, die sich für eine Neutour eigneten.

Ich war hin- und hergerissen, irgendwie wird das hier alles ziemlich eng. Zeit zum Fädeln, Weizenglas, dazwischen eine neue Linie. Wie soll man hier abseilen, um nachfolgende Seilschaften mit Steinschlag nicht zu gefährden? Dann die rettende Idee. Jörg meinte eher beiläufig, man könne ja auch hinüber zum Gimpel-Normalweg absteigen. Am nächsten Tag kam Daniel hinzu und wir fanden einen kletterbaren Weg durch die kompakte Schluchtwand. Ziel war dabei auch, eine möglichst gängige und homogene Linie einzurichten, die einigermaßen zu den Längen am Vorbau passte. Der Gipfelgrat bot dazu eine steile Headwall mit einer schönen Henkel-Parade, die wir ohne zu zögern anhängten. Vom Ausstieg der „Zeit zum Fädeln“ fanden wir zusätzlich einen Rechts-Quergang, der hinüber zur neuen Tour führt. Und wer vom „Paradies“ aussteigt, kann nun die neuen Seillängen in der Headwall auch noch hinaufklettern.

So kommen im „Plaisirchen“ vom Einstieg bis zum Top je nach Einhaltung der Stände  9 schöne Seillängen in rauen und kompakten Felszonen zusammen. Wer Stände mutig überspringt und nicht ausreichend verlängert, muss dann allerdings auch mit Seilzug rechnen. In der Mitte gelangt man auf wenige Meter in die Nähe der „Zeit zum Fädeln“, wo man sich rechts hält.

Aufgrund der geschickten Linienführung ist die Kletterei sehr vielseitig bzw. abwechslungsreich. Die Tour bietet  steile Wandkletterei, luftige Quergänge, ausgesetzte Verschneidungs- bzw. Kaminkletterei, abschüssige Platten und griffige Aufschwünge. Eine optimale Absicherung mit Bohrhaken erlaubt sicheres Klettern im Vorstieg. So eignet sich das „Plaisirchen“ nicht nur für Geübte, sondern auch für Alpine Mehrseillängen-Aspiranten, die sich an den 6. Grad rantasten möchten. Viele Seillängen sind auch leichter und können genussvoll geklettert werden.

Das Gesamt-Erlebnis wird durch den Fußabstieg über den Gimpel-Normalweg abgerundet. Dieser ist landschaftlich reizvoll und zeitlich betrachtet günstiger als das Abseilen im Bereich der Route. Nachfolgende Seilschaften bleiben dabei außerdem vom Steinschlag verschont. Beim Abstieg kommt man über Fixseile am Ausstieg „des Gimpel-Labyrinth“ vorbei, hier kann bei Bedarf noch etwas Höhlenluft geschnuppert werden.  Die Querung zum Normalweg ist exponiert und fordert nochmal volle Konzentration. Doch keine Angst: auch hier kann an gelegentlichen Fixpunkten gesichert bzw. abgeseilt werden.

Für die Gebietskenner: Das „Plaisirchen“ ist insgesamt leichter als die „Wirklich oben bist du nie“ und etwas schwerer als der „Zwerchweg“. Die benachbarte „Zeit zum Fädeln“ bietet sich als lohnende Alternative an, falls sich die 4. Seillänge etwas zu schwer anfühlt …

Vorbau

Der Einstieg befindet sich direkt am Wanderweg, der vom Gimpel-Vorbau hinüber zur Zwerchwand führt. Die ersten Klettermeter leiten über eine Pfeilerkante, anschließend nach links in eine grasige Verschneidung. Weiter oben gilt es eine ausgesetzte Wandstelle zu überwinden, die anschließend durch einen netten Spreizkamin mündet. An dessen oberen Ende in der Scharte befindet sich der Einstieg der „Zeit zum Fädeln“. (Schwierigkeiten am Vorbau 5, 6-, 6-).

Schluchtwand

Hier quert man ca. 6 m nach rechts ansteigend zum 3. Stand. Nun durch die steile und gut griffige Wand geradeaus empor. Am 4. Stand befindet man sich nahe der „Zeit zum Fädeln“. Man verlässt den Stand nach rechts und gelangt durch eine kurze Verschneidung zu einer abdrängenden Platte. Beide Passagen sind die schwersten Stellen in der Tour und erreichen den oberen 6. Grad. Mit Hakenhilfe reduziert sich die Schwierigkeit auf 6-. Achtung: Nach der Platte linkshaltend und nicht geradeaus weiter zu einem sichtbaren Kettenstand. Dieser wurde für das Abseilen neben der Route eingerichtet. Nach dem 5. Stand legt sich die Wand zurück und führt in angenehmer Platten-Kletterei mit gelegentlichen Steilstufen unter die Headwall zum 7. Stand mit Wandbuch. Rechts daneben befindet sich eine Kette, die fürs Abseilen in Notfällen gedacht ist. (Schwierigkeiten in der Schluchtwand 6, 6+, 6-, 5+).

Headwall

Vom 7. Stand gelangt man in einer ausgesetzten Links-Rechts-Schlaufe in eine schmale Schlucht und rechtshaltend hinauf zum Ausstieg der Route. (5+, 4+). Wer in der Schlaufe die Exen nicht ausreichend verlängert, muss mit straffem Seilzug rechnen.  In der kleinen Schlucht kann ggf. ein Zwischenstand an 2 Haken eingerichtet werden. Vom letzten Stand am Ausstieg können nochmals 10 Meter über eine Platte im unteren 5. Grad angehängt werden. Von hier entweder zurück Abseilen (nicht eingerichtet) oder über Grasflanken zum Gimpel-Normalweg hinüber queren.

Abstieg

Man kann davon ausgehen, dass sich künftig Seilschaften aus 4 verschieden Routen (Paradies, Zeit zum Fädeln, Plaisirchen und Weizenglas) auf dem Gipfelgrat treffen. Deshalb empfehle ich bevorzugt den relativ kurzen Fußabstieg hinüber zum Gimpel-Normalweg. Vom letzten Stand führt ein Fixseil wenige Meter hinunter zu einer Höhle, dem Gimpel-Labyrinth. Von hier leitet ein weiteres Fixseil mit anschließendem Pfad hinüber zum Gimpel-Normalweg, über den weiter abgestiegen wird. Vorsicht bei Nässe! Es handelt sich dabei um steiles, grasdurchsetztes Abstiegs-Gelände. Für die Höhlen-Begeher wurden gelegentliche Zwischenhaken eingerichtet, an den gesichert oder abgeseilt werden kann. Vom Ausstieg ca. 20 Minuten ins Gimpelkar.

Die vorhandene Abseilpiste von Kette zu Kette empfehle ich nur bei Schlechtwetter-Einbruch, um den überwiegend exponierten Fußabstieg bei Nässe zu meiden. Wer neben der Tour durch die Schlucht abseilt, gefährdet nachfolgende Seilschaften mit potentiellem Steinschlag!

Schwierigkeit

Maximal 6+. Meist 5 bis 6. Mit Hakenhilfe 6- obligatorisch

Absicherung

Perfekt mit Bohrhaken

Material

Doppelseil, 12 Exen, Schlingen zur Verlängerung in der Headwall, evtl. Abseilausrüstung für den Notfall bei Nässe.

Zustieg

Vom Gimpelhaus Richtung Judenscharte. Im Gimpelkar verlässt man den Weg nach rechts und gelangt in Kürze zum Gimpel-Vorbau. Der Einstieg befindet sich etwas rechts direkt am Weg. Vom Gimpelhaus ca. 30 Minuten.

Ausgangspunkt

Gimpelhaus im Tannheimer Tal. In 1,5 Stunden von Nesselwängle erreichbar. Der Parkplatz befindet sich am westlichen Ortsrand.

 

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