Piz Badile Nordkante

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Wer noch nie zum Klettern im Bergell war, sollte vielleicht zuerst einmal der Ortschaft „Soglio“ einen Besuch abstatten, um sich einen Überblick zu verschaffen. „La soglia del paradiso“ (Die Schwelle zum Paradies), so bezeichnete es der Maler Giovanni Segantini, der hier einige Jahre überwinterte. Von diesem alten, auf einer sonnigen Hangterrasse 1090 m. ü. M. gelegenen Dorf hat man einen einzigartigen Blick auf die gegenüberliegende Talseite mit den majestätischen Gipfeln wie Ago di Sciora, Punta Pioda, Gemelli, Cengalo und ganz rechts dem Piz Badile (3308 m). Im ganzen Dorf, im Labyrinth der steingepflasterten Gassen mit den engstehenden alten Häusern und Ställen, fühlt man die Vergangenheit. Mittlerweile ist hier der Tourismus allerdings stark zu spüren. Egal, Hauptsache, man kann beim Capuccino auf einer Sonnenterasse den Badile entspannt bestaunen …

Kaum ein Berg in den Alpen ist unter Kletterern so legendär: Buhl, Cassin, Gogna usw. haben hier Geschichte geschrieben. Der Alpenvereinsführer „Bergell“ beschreibt die Piz Badile-Nordkante als „eine der schönsten, wenn nicht gar die schönste Kantenführe in den Alpen”. Und Walter Bonatti meinte einmal: „Erst später, nach vielen weiteren Gipfeln, habe ich entdeckt, dass dies der schönste Granit auf Erden ist“. Dazu überwiegt hier die Alpine Abgeschiedenheit, die Länge und Höhe der Tour sowie der anspruchsvolle Abstieg vom Badile, bei dem nach der Erstbegehung der Nordostwand (Cassin) im Schneesturm zwei Kletterer ihr Leben ließen. Und dennoch wird dieser Berg in den Sommermonaten regelmäßig belagert, und regelmäßig werden hier Seilschaften mit dem Heli herausgeflogen oder von den häufigen Gewittern der Gegend überrascht. Wie meinte doch die Hüttenwirtin von der Gianetti-Hütte auf der Südseite des Badile: „Lichter von Stirnlampen beim Abstieg? Ach, das ist hier ganz normal, dass um diese Zeit noch Seilschaften unterwegs sind.“  So ist das bei den großen Klassikern der Alpen …

Schwierigkeit

Ca. 25 Seillängen bis 5a+, überwiegend leichter (5a obligat.) Kantenlänge ca. 1250 m, Höhenunterschied ca. 800 m.

Absicherung

An den Ständen befinden sich mittlerweile Muniringe, dazwischen gelegentlich Bohr- und Normalhaken. Mit Schlingen und Friends kann optimiert werden.

Material

Doppelseil, 10 Exen, Abseilausrüstung, Schlingen, ein paar mittelgroße Friends

Zeitbedarf

2 Stunden Zustieg von der Hütte
5 – 7 Stunden für die Nordkante (bei erhöhtem Andrang kann gut überholt werden)
3 Stunden für den Abstieg
Im unteren und oberen Teil der Route kann auch am „Laufenden Seil“ geklettert werden.

Orientierung

Relativ einfach, meist entlang der breiten Kante, gelegentlich daneben. Am Beginn etwas links haltend. Nach einigen leichteren Seillängen kommt die Rischplatte, eine glatte Flanke mit einem kurzen Aufschwung in der Mitte. Ungefähr nach der Hälfte der Kante erreicht man deren Schlüsselstelle. Wegen eines Felssturzes in der Nähe des Ziegenrückens wurde die Tour etwas begradigt. Über eine Platte (5), die gut mit Bohrhaken gesichert ist, geht es nun auf den Ziegenrücken. Nun wird die Kante steiler und man klettert meist im 4. bis 5. Schwierigkeitsgrad weiter. Zum Gipfel hin immer flacher werdend und über Türme zum höchsten Punkt. Während der gesamten Tour gewinnt man großartige Einblicke in die Nord-Ost-Wand bzw. Cassin-Route.

topo-001Zustieg zu Hütte

Talort ist die kleine Ortschaft Bondo westlich des Maloja-Passes. Von hier aus geht es über eine schmale mautpflichtige Forststraße (12 Sfr., Ticket im Gasthof) ins Val Bondasca, etwa 4 km bis zu einem Parkplatz bis kurz unterhalb der Alp Laret (1377 m). An der Alm vorbei hält man sich rechts und überquert über eine Holzbrücke den Gebirgsbach Bondasca.  Hier beginnt der nach oben hin immer steiler werdende 1½-stündige Aufstieg zur Sasc Furä Hütte.

uebersicht Zugang zum Einstieg

Start von der Sasc Furä-Hütte um 5 Uhr morgens. Man folgt zunächst dem Pfad Richtung „Viäl“, dem Übergang von der Sasc Furä Hütte nach links zur Sicora Hütte. Nach ca. 45 min. rechts des Grates geradeaus weiter bis zum Beginn großer Granitplatten. In leichter Kletterei bis zum 3. Schwierigkeitsgrad, die Schneereste umgehend, gelangt man zu einer Scharte am Fuß der Nordkante (2590 m). Von der Hütte knappe 2 Stunden Zustiegszeit.

Abstieg vom Gipfel

Vom Gipfel nach Süden immer wieder abwechselnd abseilend und abkletternd durch die Rinne hinab. Grundsätzlich hält man sich im Abstiegssinn immer eher rechtshaltend. Man erreicht ein markantes Band, hier nach rechts queren und bis zu einem Kreuz kurz ansteigen. Von hier nach links durch einen Kamin und eine Schlucht noch mehrmals abseilen, bis man zu einem großen Schneefeld am Wandfuß gelangt. Nun immer diagonal rechtshaltend über wegloses Blockgelände zur Gianetti-Hütte. Vom Gipfel ca. 3 Stunden. Alternativ kann über die Nordkante in mehreren Stunden wieder abgeseilt werden. Eine Geduldsprobe. Zeitlich betrachtet jedoch die beste Möglichkeit, wieder zurück zum Ausgangspunkt zu gelangen.

abstieg Rückweg ins Bondasca-Tal

Entweder von der Gianetti-Hütte Abstieg ins Val di Mello und mit dem Taxi zurück zum Ausgangspunkt, oder zu Fuß schweißtreibend über mehrere Pässe einen halben Tag zurück zur Sasc Furä-Hütte:  Zuerst geht es hinauf zum Passo Porcellizzo (2961 m). Von hier ein steiles Couloir etwa 300 Höhenmeter hinab auf einen kaum mehr vorhandenen Gletscher ins Val Codera (Leichtsteigeisen bzw. Grödeln von Vorteil). Nun quert man den ganzen Talkessel in Richtung Passo della Trubinasca. Um den Pass zu erreichen steigt man durch eine Schlucht und gelangt mit einer kurzen Klettersteigeinlage zum Pass auf 2701 m Höhe. Nun teilweise mit Ketten versichert, steil bis etwa auf 2200 m ins Vallun da la Trubinasca hinab. Unterhalb des Vadret da la Trubinasca quert man nach rechts zur Sasc Furä-Hütte. Von Hütte zu Hütte ca. 5 – 6 Stunden.

Topos

Schweiz-Plaisir Süd, Filidor-Verlag

Tipp

Ein besonderes Highlight ist die Übernachtung in der Biwakschachtel auf dem Gipfel: Bei sicherem Wetter ein gemütlicher Aufstieg über die Kante, am nächsten Tag darüber wieder abseilen.

 

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2 Gedanken zu „Piz Badile Nordkante

  1. Hallo Peter,

    den Schwierigkeitsgrad habe ich dem Kletterführer Schweiz-Plaisir-Süd entnommen. Aufgrund eines Felsausbruchs gibt es eine frühere Seillänge jetzt nicht mehr. Die neue Variante ist jetzt sogar mit 5a+ angegeben. So änderen sich die Zeiten …

    Viele Grüße aus dem Allgäu, Pat

  2. vor vielen jahren habe ich diese kante gemacht mit einem jungen aus leipzig.dass die schwierigkeit plötzlich bei 5a liegen soll.
    na dann.
    peter bergeführer

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