Via Anarchia am Kenzenkopf

Via Anarchia am Kenzenkopf

Der Geiselstein war schon immer ein Magnet – kein Wunder, das „Matterhorn“ der Ammergauer Berge bietet die besten und vielseitigsten Kletterrouten in der Ostallgäuer Gegend und weit darüber hinaus. Dementsprechend ist hier an schönen Wochendtagen mit vielen Kletterern zu rechnen und an den Sammel-Einstiegen steht man nicht selten im Stau.

Am benachbarten Kenzenkopf geht es dagegen deutlich ruhiger zu. Seine Südwand bietet zwar den gleichen Edelfels wie der Geiselstein, doch die wenig vorhandenen Kletterrouten sind relativ anspruchsvoll und dazu mit einer sportlichen Absicherung versehen. Der Luxus, dass man die 12 Kilometer bis zur Kenzenhütte mit dem Shuttle-Bus hochfahren kann und sich der Zustieg dadurch auf angenehme 45 Minuten reduziert, lockt jedoch auch nicht mehr Besucher an. Die kompakte Wand bietet einfach zu wenig Möglichkeiten, moderate Routen im 5. bis 6. Grad einzurichten.

Dabei schneidet die „Via Anarchia“ an dem etwas einsamen Kletterberg noch am besten ab. Bereits in den 80er Jahren fand der Ostallgäuer Erstbegeher Markus Lutz in geschickter Linienführung einen kletterbaren Weg durch die schwächsten Zonen in der Wand. Somit entstanden einige Quergänge, um die steilsten Aufschwünge zu umgehen und an den Weiterweg über viele schöne Platten-Passagen zu gelangen.

Wer die steile, kleingriffige Einstiegswand bewältigt, hat die Eintrittskarte für den Rest der Tour bereits in der Tasche. Nach einer kurzen, etwas schrofigen Passage folgt über weite Strecken elegante Platten-Kletterei mit kleinen Kanten und Auflegern. Nach oben hin wird der Anstieg dann allerdings etwas alpiner und die Wegfindung nicht ganz offensichtlich. Eine horizontale Dachkante wird überraschend durch einen ausgesetzten Links-Quergang umgangen, wobei der richtungsweisende Normalhaken aus der Ferne kaum erkennbar ist. Eine spannende Hangel-Partie ist das: schmale Kanten für die Finger, die Sohlen an der mehr oder weniger glatten Wand. Die letzte Seillänge führt schließlich über eine schöne Rampe erleichternd einfach hinauf zum letzten Stand.

Trotz einiger Sanierungs-Aktionen nach der Erstbegehung hat die Tour nichts von ihrem Reiz eingebüßt. Da trifft man auf alte Sticht-Bohrhaken, Gerüst-Anker, geschlagene Normalhaken bis hin zu modernen Klebehaken. Und deren Abstände sind stets sportlich geblieben: Zwischen den Fixpunkten ist mutiges Klettern angesagt, auch wenn es über den Bändern (Vorsicht Grounder!) gelegentlich abdrängend oder luftig zur Sache geht. In der Headwall existiert eine Direktvariante, die lediglich den souveränen 7er-Kletterern vorbehalten ist.

Kaum zu glauben – auch wenn die gesamte Wand von unten ordentlich lang aussieht, so gelangt man mit einem 60-Meter-Doppelseil durch 2-maliges Abseilen wieder schnell zurück zum Einstieg …

Fazit: Eine spannende Tour, die nicht übersichert ist und dazu viele schöne Klettermeter verspricht. Dazu ein wunderbar sonniges Ambiente, fernab des Mainstreams gegenüber der schattigen Nordwand der Ammergauer Hochplatte …

Schwierigkeit

Meist 6 bis 7 (6+ obligatorisch). Zwei Seillängen im 3. bis 4. Schwierigkeitsgrad. Die Direktvariante ist mit 7+ bewertet (hier 7 obligatorisch).

Absicherung

Die Route ist ausreichend mit Klebe- und Normalhaken abgesichert. Die Hakenabstände sind allerdings teilweise etwas sportlich, sodass mit zwingenden Kletter-Pflichten zu rechnen ist. In den leichteren Passagen (3 bis 4) befinden sich wenig bis keine Zwischensicherungen. Hier kann evtl. mit Schlingen nachgebessert werden. Keile und Friends sind selten einsetzbar.

Material

60-Meter-Doppelsei, 10 Exen, evtl. Schlingen.

Ausgangspunkt

Halblech im Ostallgäu. Es befindet sich ein großer Parkplatz bei einem Sägewerk. Von hier aus startet in regelmäßigen Abständen der Shuttle-Bus hinauf zur Kenzenhütte (Juni bis Oktober). www.halblech.de/kenzenhuette.html

Zustieg

Von der Kenzenhütte über den Wanderweg hinauf Richtung Kenzensattel. Nach einer Holzbrücke erreicht man das Hochtal zwischen Ammergauer Hochplatte und Kenzenkopf. Nach ca. 15 Minuten zieht von rechts ein großes Blockfeld herab, über das die Wand erreicht wird. Der Einstieg befindet sich bei einer markanten Platte mit Klebehaken.

Abstieg

Vom Ausstieg an überdimensionalen Ketternständen 2mal seitlich der Tour abseilen

Stützpunkt

Kenzenhütte www.berggasthof-kenzenhuette.de/

Topo

Kletterführer Allgäu & Ammergau www.panico.de

Bildgallerie

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